«“Yentl“ ist eine unglaublich starke Geschichte»
Seit 25 Jahren ist fe-m@il auf den regionalen, nationalen und internationalen Bühnen unterwegs – aktuell mit dem Klassiker «Yentl». Im Interview mit Zmitz erklärt Tanja Baumberger, Sängerin und Gründerin von fe-m@il, warum dieses Stück nichts an Aktualität verloren hat, wie die Formation entstanden ist und sich laufend weiterentwickelt, wie sie persönlich die Kulturszene erlebt und warum man die letzte Vorstellung der «Yentl»-Tournee am 17. Januar 2026 im Parktheater Grenchen auf keinen Fall verpassen sollte.
Wie ist fe-m@il entstanden?
fe-m@il ist aus einem persönlichen Bedürfnis heraus entstanden. Ich war damals mit «CABARET» auf Tournee und später mit «Melissa» in Winterthur am Theater, und ich spielte «COMPANY» von Sondheim. Ich wollte Musik und Texte machen, die Herz und Kopf gleichermassen ansprechen – Dinge, die mich wirklich interessieren, die mir gefallen, die (m)eine Haltung widerspiegeln. Keine Kompromisse, kein Gefällig sein. Also habe ich die Initiative ergriffen und fe-m@il gemeinsam mit einer Pianistin gegründet. Es ging nicht darum, eine «Band» zu haben, sondern, einen Raum zu schaffen, in dem ich sagen, singen und spielen kann, was mir wirklich wichtig ist.
Das ist dir gelungen: fe-m@il gibt es bereits seit 25 Jahren…
Ja, offenbar bin ich nicht alleine und meine Ideen sprechen die Menschen an. In 25 Jahren konnte fe-m@il zig Produktionen auf die Bühnen stellen regional, national auch über die Landesgrenzen hinaus. Ein herrliches Team teilt diese Gedanken. Danke an dieser Stelle vor allem auch dem treuen Publikum!
Was hat es mit dem Namen fe-m@il auf sich?
Der Name ist mir buchstäblich zugeflogen – an einem Rotlicht in Rapperswil. Dieses Spiel mit „female“, „mail“, dem @-Zeichen, mit Identität und Kommunikation hat mich sofort angesprochen. Er war plötzlich da und hat gepasst. Manchmal entstehen die besten Dinge genauso.
Auf eurer Webseite steht: «fe-m@il passt in keine Schublade.» Wie würdest du eure Philosophie beschreiben?
Warum brauchen wir in der Schweiz eigentlich immer Schubladen? Jedes Fach ein Etikett, jede Kunstform eine Kategorie. Musik ist für mich etwas Ganzheitliches. Ich hatte und habe Unterricht in klassischem Gesang, habe Chanson, Musical und Clownerie, vieles andere gemacht in der Schweiz und in Hamburg und den Niederlanden – im Zentrum stehen immer die Inhalte. Ob humorvoll oder tiefgründig wie bei der Produktion «Yentl»: Es geht um Haltung, um Aussage, auch durchaus um kritisch verpackte Inhalte. Eine reine Coverband oder Party-Musik kam für mich nie infrage. Nur Hits von anderen zu singen und so zu tun, als wäre ich jemand anderes, ist mir schlicht zu langweilig. Zum Glück sehen das meine «Gspändli» auch so.
Wie hat sich fe-m@il im Lauf der Jahre weiterentwickelt?
fe-m@il hat sich immer organisch entwickelt – mit den Menschen, mit den Themen, mit den Erfahrungen. Es war nie ein statisches Projekt, sondern immer ein Prozess. Nicht geplant. Wir haben uns musikalisch, wie inhaltlich weiterbewegt, ohne den Kern zu verlieren. Musiker kamen und gingen, das ist auch klar, kein Projekt «braucht» immer das gleiche an Besetzung – der Kern war fix, die Band bestand über 20 Jahre. Da ist ein eigenes Album «gar nichts kapiert» entstanden mit einer Ode an Solothurn «Mis Soledurn», die schon an vielen Events ein Act war; sie wurde auch auf SWISS Jazz gespielt. Aber auch hier gilt wohl der Spruch mit dem Propheten im eigenen Land, das Kennen auch viele Kollegen… fe-m@il hat sich verändert, weil der musikalische Kern sich verändert hat, weil ich mich verändere. fe-m@il war nie ein fixes Konzept, sondern immer ein Spiegel dessen, was uns gerade umtreibt. Musikalisch, politisch, gesellschaftlich. Stillstand ist nie eine Option.
Wie nimmst du die Entwicklung der Kulturszene wahr – im Speziellen in der Region Solothurn?
Das ist schwierig zu sagen. Solothurn hat einzelne starke Orte: den Jazzclub in der KUGA mit einem grandiosen Programm, ein wunderbares Stadttheater in Kooperation mit dem Theater in Biel. Aber von einer eigentlichen Szene zu sprechen, fällt mir schwer. Zwischen Solothurn, Olten und Grenchen gibt es kaum Kooperation – im Gegenteil, jede Stadt kocht ihre eigene Suppe. Dabei wäre gerade das sehr wichtig. Das ist schade, sehr schade! National sehe ich ein ähnliches Bild: Zürich dominiert, regionale Vielfalt geht verloren. Wenn ich nach Österreich schaue, sehe ich, wie Stadt und Land selbstverständlich gemeinsam abgebildet werden. Bei uns fehlt diese Selbstverständlichkeit. Am besten war das sichtbar im Magazin «G&G» auf SRF im Vergleich mit der Sendung «Seitenblicke» auf ORF. Österreich bringt es fertig, in wenigen Minuten auch kleines zu Zeigen, während in unseren Magazinen sich die gleichen Promis immer selbst huldigen. Bei uns fehlt diese Selbstverständlichkeit offensichtlich.
Wie ist die aktuelle Formation von fe-m@il zusammengesetzt?
Die aktuelle Formation besteht aus Musikerinnen und Musikern aus Solothurn und der Region. Alles Menschen mit grosser Professionalität, Spielfreude und grosser Offenheit für Inhalte. Profis, die Ihren Unterhalt grösstenteils als Musiklehrpersonen verdienen. Mit Marlis Walter bin ich seit 2002 unterwegs in vielen Programmen, mit Christoph Weibel seit 2009 und mit Christine Flückiger seit 2017. Marian Rivar kenne ich auch schon lange, Franziska Baschung und Lorenz Bendel sind zwei Namen in der Musikszene unseres Genres, die auch schweizweit unterwegs sind. Grossartige Menschen allesamt, denn wer nur nach dem monetären fragt stellt sowas nicht auf die Bühne. Thomas Dietrich ist seit 1998 Teil der Idee.
Dazu sind langjährig Martin Kuhn, Technik, und Boris Leisi an unserer Seite, ebenso Thomas Dietrich und schon lange auch Alexandra Pfister. Eine Menge Leute rund um fe-m@il.
Wie bist du auf diese Musiker:innen gekommen?
Man redet miteinander, man wagt etwas zusammen, man spinnt Ideen, man geht ein Risiko ein. Einer muss am Karren ziehen – das ist überall gleich, ob im kleinen Theater oder in grossen internationalen Produktionen. Wer zeigen will, was ihm gefällt, muss es selbst produzieren. Das ist ein Kraftakt, aber ohne diesen ersten Schritt passiert nichts.
Was war bisher das grösste Highlight von fe-m@il?
Es gibt viele Highlights in 25 Jahren fe-m@il! Die Einladung für ein Engagement in Singapur war natürlich besonders. Aber genauso unvergesslich sind kleine Vorstellungen, etwa in Schaffhausen oder im Thurgau, einfach wenn das Publikum komplett mitgeht. Die Grösse des Anlasses spielt keine Rolle – es sind die feinen, intensiven Momente, die bleiben. Für uns alle. Die Produktion um «Lilli Palmer» war mir ein Herzensanliegen, dann kam COVID, die letzte Produktion mit Bandbesetzung «Knolls Katzen» war unglaublich humorvoll, ich habe es geliebt, das Publikum auch. Auch die fünf Alben, die wir produziert haben – «gar nichts kapiert» mit 100 Prozent Eigenem – ist und bleibt ein Highlight.
Gab es auch Rückschläge?
Für mich sind Rückschläge vor allem struktureller Natur: massive Preiserhöhungen bei Mieten von Kulturräumen, geschlossene Spielstätten wie der «Kulturm» in Solothurn, fehlende Kulturredaktionen, Medien, die nur über das grosse, ewiggleiche voneinander abschreiben. Es geht viel verloren. Das mag «alt» klingen, aber es sind Tatsachen, leider. Auch der Musikmarkt um das Streaming und die Vergütung machen das Produzieren von Alben obsolet. Nichts bringt mehr liquide Mittel, das Kleine geht auch hier verloren.
Das Stück «Yentl» spielst du schon lange. Warum?
«Yentl» ist eine unglaublich starke Geschichte. Es geht um Bildung, um Wissen, um den Wunsch zu lernen. Um Liebe. Nicht KI soll unser Wissen bewahren – wir selbst wachsen durch Lernen, Lesen und Verstehen. Es geht insbesondere um die Bildung der Frauen, um Rechte, die historisch gesehen noch gar nicht so lange existieren. Vieles davon ist heutigen Generationen kaum noch bewusst, dass wird mir kläglich klar, wenn ich die Szenerie der «Insta Stars» anschaue, denen die moderne junge Frau folgt – schon fast beängstigend, was für Vorbilder wir heute haben.
Was ist die aktuelle Bedeutung von «Yentl»?
Wie erwähnt, sie ist enorm. Gerade heute, wo Oberflächlichkeit mehr zählt als Inhalt. Wenn ich mir gewisse Rollenbilder und Figuren wie zum Beispiel Kim Kardashian anschaue, frage ich mich ernsthaft,, was wir eigentlich feiern. «Yentl» hält dagegen – mit Tiefe, Musik und Humor. Die Musik, neu arrangiert von Ferdinand von Seebach, ist grossartig. Die Geschichte – von Isaac Bashevis Singer, weitergedacht durch Barbra Streisand und von Thomas Dietrich und mir, 2007 für die Bühne verfasst – ist zeitlos. Sie funktioniert heute immer noch.
Am 17. Januar 2026 findet im Parktheater Grenchen die letzte Aufführung der aktuellen «Yentl»-Tournee statt. Warum sollte man sie nicht verpassen?
Weil es wohl die letzte Vorstellung ist. Wir haben «Yentl» diesmal selbst produziert und finanziert. Neue Arrangements wurden geschrieben, neue Musik komponiert. Die Geschichte die schweizweit über 50 Mal gezeigt werden konnte, hat ein neues Kleid bekommen. Bereits sind zwei wunderbare Abende in Balsthal und im Stadttheater Solothurn über die Bühne – beide sehr gut besucht, das Stadttheater ausverkauft. Beide Male wurde die Geschichte mit einer stehenden Ovation belohnt. Das Parktheater Grenchen ist gross, und wir hoffen auf Menschen, die bereit sind zuzuhören, einzutauchen, sich tragen zu lassen von Musik und Geschichte; Emotionen – Lachen und Weinen – liegen sich im Arm. Es ist ein intensiver Abend – und für mich und uns wohl ein Abschied.
Wie sehen eure Zukunftspläne aus?
Ich nehme mir gerade bewusst eine Pause. Ich schreibe, male wieder und denke darüber nach, welche Rolle ich in der Kulturszene noch spielen möchte. Ich werde 56 und merke, dass ich nicht mehr strampeln will.
Marlis Walter, der musikalische Kopf unserer Formation, leitet mittlerweile die Musikschule Solotutti. Thomas Dietrich ist in Ulm tätig. Auch an der Sommer Oper Selzach war er regelmässig beteiligt – dort zeigt sich mit der neuen Leitung deutlich, wie sehr sich Strukturen verändern. Das System bleibt das System: Wenn etwas kommt, kommt es, wenn nicht, dann nicht.
Musikalisch konzentriere ich mich auf aussagekräftige Genres. Für eine neue Lesung mit Musik liegen bereits Ideen bereit – ob sie umgesetzt werden, wird sich zeigen. Wer mit am Karren ziehen möchte, ist herzlich eingeladen.
fe-m@il ist nur eines deiner Engagements…
Ja. Beruflich bin ich seit 2018 als Sprachgestalterin und Sprachtherapeutin sowie als Kunsttherapeutin an öffentlichen Schulen und in meiner Praxis atem-stimme-sprache in Solothurn tätig. Ich begleite Gross und Klein in Sprache, Spracherwerb, deren Herausforderungen und Präsentation, übernehme kleine Regiearbeiten und unterstütze Theatergruppen, Puppenspieler:innen, Politiker:innen, Pfarrer:innen oder Polizist:innen dabei, an ihrem Handwerk zu feilen und sich weiterzuentwickeln im Bereich der Sprache – dem authentischen Sprechen und Fesseln einer Zuhörerschaft. Ich liebe «es»!
- Webseite von fe-m@il: Willkommen bei fe-m@il – Musik und Theater
Fotos: Roger Stöckli


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