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«Menschen, lest mehr Bücher!»

Das Buchfestival Olten feiert Jubiläum: Von Freitag, 30. Oktober, bis Sonntag, 1. November 2026, geht die 10. Ausgabe über die Bühne. Grund genug für ein Gespräch mit Christian Meyer, Mitinhaber der Oltner Buchhandlung Klosterplatz und Mitorganisator des Buchfestivals. Er erklärt unter anderem, was das Festival ausmacht, wie es sich in den Jahren verändert hat und was die Besucher:innen erwartet.

Das Buchfestival Olten findet zum 10. Mal statt. Was hat sich in diesen Jahren verändert?
Die grössten Veränderungen sind einerseits der Ort, wo die Hauptanlässe stattfinden: von sehr gross zu etwas kleiner, vom Stadttheater zu einem Kulturzentrum, zu einem Kino; und andererseits das Angebot: von vorwiegend Buchpräsentation mit noch etwas Lesungen und Anlässen, hin zu Lesungen und Anlässe mit noch Buchverkauf.

Was ist in einem Satz die „Philosophie“ eures Festivals?
Das Buch in möglichst vielen Facetten zu zeigen oder wie wir es sagen: vielseitig zu sein.

Was unterscheidet eures von anderen Buch- und Literaturfestivals?
Bestimmt die Vielseitigkeit und natürlich Olten als Ort, aber sonst suchen wir eher Gemeinsamkeiten als Unterschiede.

«Jeder Anlass hilft, dem Buch Sichtbarkeit zu schenken.»

Braucht es neben den Solothurner Literaturtagen ein weiteres Festival in so einem kleinen Kanton?
Es braucht alle Anlässe, bei denen es um Kultur und speziell um Literatur geht. Jeder Anlass hilft, dem Buch Sichtbarkeit zu schenken. Wir leben zudem in einer Zeit, wo es bitter nötig ist, auf Bücher, Autorinnen und Autoren und ihre wichtige Stimme hinzuweisen. Wir verstehen uns nicht in Konkurrenz zu den Literaturtagen, das wäre auch sehr vermessen, sondern als kleinen Nebenast des grossen Baumes.

Habt ihr euch dieses Jahr für die 10. Ausgabe etwas Spezielles ausgedacht?
Die Jubiläumsausgabe steht unter dem Thema „Lesen und Genuss“. Das Spezielle daran ist, dass es neben Büchern auch noch kleine Degustationen von z.B. Schokolade, Wein oder Käse gibt, oder ein Mittelalter-Menue passend zum neuen Buch von Rebekka Salm «Metzina».

Welches sind die speziellen Highlights?
Diese Frage ist für mich immer sehr schwierig zu beantworten, weil es aus meiner Sicht natürlich nur Highlights gibt … aber klar: der Müsterli-Abend mit seinem wunderbaren Angebot, die Dreitannenbuchpreis-Verleihung mit einmaligen Schriftstellerinnen und das Gespräch zwischen Alex Capus und Rebekka Salm sind bestimmt Glanzpunkte, die hervorstechen.

«Wir sind eine bunte Truppe mit sehr viel Kreativität und Ideen.»

Für ein Buchfestival braucht es finanzielle und personelle Ressourcen: Wie seid ihr organisiert und wie finanziert ihr euch?
Grundsätzlich als Verein und sonst leicht chaotisch – es hat keinen Wert, dies zu verschweigen. Für die Finanzierung dürfen wir, Gottseidank, auf vielerlei Unterstützung zählen: Kanton, Stadt, Stiftungen, Spenden, Einnahmen. Aber selbst mit alle dem: Die Ehrenamtlichkeit macht, so denke ich, den grössten Teil aus.

Wie seht ihr eure Zukunft?
Wir sind eine bunte Truppe mit sehr viel Kreativität und Ideen. Die Zukunft entsteht jeweils immer gerade vorzu und daher sind wir selber sehr gespannt, was daraus wird.

Was wollt ihr uns zum Schluss noch mitgeben?
Menschen, lest mehr Bücher! Und tauscht euch darüber aus. Und liebt einander.

Informationen:

«Wir machen ein Orgelfestival! Nicht ein normales – ganz etwas Neues!»

Sally Jo Rüedi (l.) und Nadia Bacchetta.

 

Sally Jo Rüedi und Nadia Bacchetta, das sind die zwei Frauen hinter dem Festival OrgelSOunds Solothurn, das am 23. und 24. Oktober 2026 erstmals stattfindet. Die beiden Organistinnen erklären, wie sie auf die Idee für den Event gekommen sind, was die Philosophie dahinter ist, was die Besucher:innen erwartet … und warum auch eine Orgel durchaus sexy sein kann.

Wie seid Ihr auf die Idee für OrgelSOunds Solothurn gekommen?
Sally: Orgelkonzerte haben eine lange Tradition in Solothurn und die Sommerkonzerte in der Kathedrale sowie der Orgelspaziergang haben immer grossen Anklang gefunden. Wir wollten aber vermehrt die Vielfalt der Orgellandschaft in Solothurn zeigen und auch die Stadtkirche und die Franziskanerkirche, wo Nadia und ich arbeiten, mehr einbeziehen. Die Orgeln in diesen Kirchen sowie die Räume sind wunderbare kulturelle Ressourcen.
Beim gemeinsamen Pizzaessen vor mehr als zwei Jahren haben wir ein erstes Brainstorming gemacht und bald kam Nadia auf eine Idee: «Sally, wir machen ein Orgelfestival! Nicht ein normales – ganz etwas Neues!» Sie ist so wunderbar kreativ und die Ideen sind gleich gesprudelt, von Orgel-Yoga über Orgel-Battle bis hin zu Orgel-Disco! Vieles davon konnten wir nun wirklich umsetzen!

Normalerweise arbeitet ihr ja getrennt…
Nadia: Als Organistin macht man halt mehrheitlich sein Ding in seiner Nische – sprich Kirche –, dabei können so kreative Konzertformate entstehen, wenn man zusammenspannt. Für mich war es vor allem dieser Gedanke: etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen. Gemeinsam Ideen zu spinnen, auszuprobieren und auch mal etwas Verrücktes zu wagen, macht einfach Spass. Und wir beide machen seit vielen Jahren Formate abseits der klassischen Orgelkonzerte. Unser Publikum weiss und schätzt das, aber das möchten wir mit dem Festival auch einer breiteren Öffentlichkeit zeigen: so sexy ist die Orgel.

Echt jetzt? Es gibt doch einige Instrumente, die sexyer sind…
Sally: Nein, sicher nicht! Die Orgel ist das obercoolste Instrument, das es gibt! Stell dir vor, wie es ist, ein ganzes Orchester vor dir zu haben, das einem klanglich jeden Wunsch erfüllt … vielleicht nicht ganz, aber es gibt Orgeln, die sehr nah drankommen! Ich selber habe die Orgel als Kind durch einen Nachbarn kennengelernt. Er war begeistert von Orgeln und hat sie zuhause in seiner Garage selber gebaut. Sein Haus war voll davon! Das hat mich geprägt…
Nadia: Also es gibt sicher Instrumente, die man besser in einen Koffer packen kann oder die man auch zu Hause üben kann, aber sexyer … da fällt mir beim besten Willen nichts ein. Spass beiseite: Ich war als Teenager sehr scheu und mochte es nicht, dass man mich beim Klavierspielen auf der Bühne anschauen konnte. Und ich habe dann schon nach den ersten Orgelstunden gemerkt: Ja, das ist mein Instrument, und nicht nur wegen der Privatsphäre auf der Empore. Mich hat fasziniert, wie man stundenlang an Klängen tüfteln kann, und ich liebe die Haptik, die ist ja schon ganz anders als beim Klavierspielen. Und natürlich: Dieser überwältigende Klangrausch an einem schönen Instrument, das ist schon eine 10 von 10.

«Die Orgel ist sooo ein cooles Instrument!»

Zurück zu OrgelSOunds Solothurn: Was ist die «Philosophie» des Festivals?
Nadia: Ich finde, die Orgel ist viel mehr als dieses ehrwürdige Kircheninstrument irgendwo auf einer Empore. Sie ist sooo ein cooles Instrument, und dabei ist jede Orgel anders. Wir beide brennen für dieses Instrument und möchten natürlich ein bisschen von unserer Liebe und Begeisterung allen Menschen mitgeben. Uns interessieren dabei besonders auch die Leute, die sonst nie auf die Idee kämen, ein Orgelkonzert zu besuchen. Vielleicht kommen sie wegen des Jazz, wegen eines Stummfilms oder weil sie gerne tanzen. Und entdecken dabei die Orgel ganz neu. Unser Ziel wäre ja, dass man in den Ferien nie mehr eine Kirche besucht, ohne sich gleich nach einer Orgel umzusehen… 😂
Sally: OrgelSOunds ist etwas Dynamisches, Lebendiges und es soll neugierig machen. Man muss kein Orgelkenner sein, um bei uns etwas zu entdecken.

Was genau erwartet die Besucher:innen?
Sally: Auftakt des Festivals ist der Orgel-Battle in der Stadtkirche am Freitagabend mit zwei grossartigen Improvisatoren, Vincent Thévenaz und Guy-Baptiste Jaccottet. Sie treten «gegen»einander in einem Improvisationsduell auf. Der Samstag fängt dann sanft mit Nadias „Morning Booster“ mit meditativen Klängen an und bald danach geht‘s los mit einem Vormittag voller Musik und Entdeckungen: Kurzkonzerten, unter anderem mit dem neuen Domorganist Jakob Schönborn-Dietz, Orgelführungen und sogar einem Jazz-Café mit Hammond-Orgel gespielt von Stewy von Wattenwyl und Band – mitten im Museum Altes Zeughaus.
Auch für Familien gibt es einiges: Kinder ab acht Jahren und experimentierfreudige Erwachsene können selber eine kleine Orgel zusammenbauen. Und beim Stummfilmkino in der Stadtkirche werden alte Filmklassiker live an der grossen Orgel begleitet.

«Uns ist wichtig, die lokale Kulturszene mit einzubeziehen.»

Wer sich intensiver mit der Orgel beschäftigen möchte, kann beim Registrierworkshop mit dem Berner Münsterorganisten Christian Barthen dabei sein. Am Nachmittag und Abend wird es dann nochmals richtig vielfältig: Beim grossen Crossoverkonzert «Sole blu» treffen Chor, Orgel und Instrumentalensembles aufeinander, nämlich die Formationen Chor Rheinstimmen, Jütz und Take Three. Gregorianik, Klassik, Jazz und Folklore verschmelzen zu einem eigens komponierten Werk. Danach gibt es Filmmusik mit Orgel, Violine und Cello beim Orgel-Apéro. Und zum Festivalabschluss darf sogar getanzt werden: bei OrgelDance mit Orgel und Band!

Wow, das tönt spannend! Was ist aus deiner Sicht noch wichtig, Nadia?
Nadia: Ich möchte noch ergänzen, dass es uns wichtig ist, die lokale Kulturszene mit einzubeziehen. Wir schätzen diese Künstler:innen sehr und geniessen es, wenn die Orgel mit anderen Instrumenten in den Dialog tritt.
Ich persönlich erfülle mir mit OrgelDance zudem einen lang gehegten Traum: Die Orgel als Teil einer Band. Und diese Band kann sich wirklich hören lassen:  Atina Tabé (Gesang), Phillip Stampfli (Piano), Thomi Christ (Bass), Anita Wälti (Trompete) und Gregor Lisser (Schlagzeug) haben gemeinsam mit mir an der Orgel ein cooles Programm einstudiert: Persische Klänge, französischer Pop, arabische Songs, Chansons und Musik aus den 80ern – da ist einiges dabei.

Für die Festival-Verpflegung ist auch gesorgt…
Nadia: Ja, wir haben ein Festivalbistro. Das wird geführt von der Gruppe together weltweit, der Gewinn geht also an einen guten Zweck. Das Bistro verwandelt sich je nach Tageszeit von Bar zu Kuchenstand und zu Bistro und hat durchgehend geöffnet.
Und – mein persönliches Highlight – wir haben einen Shop. Alles, was man schon immer besitzen wollte, gibt es dort zu kaufen: Orgelsocken, Orgeljasskarten, Orgelseifen … sogar Orgelschmuck. Der Shop ist auch in der Stadtkirche gleich beim Festivalbistro.

«Im Moment planen wir in einem Zwei-Jahres-Rhythmus.»

Und die Veranstaltungen sind wirklich alle kostenlos zu besuchen?
Sally: Der Eintritt ist frei mit einer Kollekte beim Ausgang der jeweiligen Veranstaltung. Man kann uns aber auch unterstützen mit dem Kauf eines Festivalpasses und spaziert von Veranstaltung zu Veranstaltung, ohne sich um Kollekten kümmern zu müssen. Wir freuen uns natürlich über jede Unterstützung. Sie hilft uns, die Kosten zu decken – und vielleicht auch, schon bald die nächste Ausgabe zu planen.

Wird es also weitere Ausgaben des OrgelSOunds Solothurn geben?
Sally: Wir hoffen es! Wenn diese erste Ausgabe ein Erfolg ist, dann auf jeden Fall!
Nadia: Im Moment planen wir in einem Zwei-Jahres-Rhythmus – aber jetzt freuen wir uns sehr auf das erste Festival!

Informationen:

 

«Das Happy End ist ungewöhnlich für einen Roman von mir»

In diesen Tagen erscheint «Annette sagt», der neuste Roman des Solothurner Schriftstellers Franco Supino. Spoilern verdirbt den Spass und ist nicht unser Ding – nur so viel: Die Lektüre ist kurzweilig, vielschichtig und anregend. Statt eines klassischen Interviews haben wir den Autoren mit Zitaten aus dem Buch konfrontiert, an denen wir beim Lesen hängengeblieben sind. Hier seine Gedanken dazu mit dem Ziel, einen Einblick in Annettes Welt zu gewähren, ohne zu viel zu verraten.

Zitat: «Wenn wir erzählen, beschreiben wir die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie sie uns vorkommt; das gilt natürlich genauso für die Literatur; sie beschreibt die Welt nicht, wie sie ist – das ist ihre Schwäche und ihre größte Stärke zugleich, indem sie zuweilen jene Räume öffnet, die diese Welt erst bewohnbar machen für die ungewisse Dauer eines Lebens. Ruth Schweikert, Tage wie Hunde.»
Franco Supino: «Dieses schöne Zitat der leider viel zu früh verstorbenen wunderbaren Autorin und Freundin Ruth Schweikert habe ich als Motto für meinen Roman gewählt. Es steckt wunderbar Raum und Geist des Textes ab.»

Zitat: «Mir geht es gut, ja, sagt Annette, unverschämt gut. Viel leicht müsste ich sogar sagen: erschreckend gut.»
Franco Supino: «Ich wollte die Leserinnen und Leser ganz am Anfang darauf vorbereiten, dass es ein Happy End gibt. Ist ungewöhnlich bei einem Roman von mir»

Zitat: «Der Vater hatte sich einen Jungen gewünscht, bei Annette, der Erstgeborenen, am sehnlichsten… also beschloss der Vater, Annette sei ein Junge.»
Franco Supino: Der Vater erzieht Annette zu Robustheit und zu Kompetitivität… (siehe nächstes Zitat)

Zitat: «Eine Frau ist ein Ding, sagt Annette.»
Franco Supino: … das man (= Mann) benutzt, muss sie als 20 jährige erleben. Die Männer sehen, sagt Annette, in einem Frauenkörper nur Formen, nie die Energie, die in ihm steckt.

Zitat: «Es sind die kleinen Dinge, die das Leben schön machen, sagt Annette.»
Franco Supino:  Im Grossen und Ganzen spricht vieles gegen das Leben, im Kleinen und Momentanen liegt das Glück. Ist eine Zuckersäckchen-Weisheit, ich weiss.

«Lesen als sinnbildliche Tätigkeit der Emanzipation»

Zitat: «Mir ging es um Selbstständigkeit, sagt Annette, und darum, möglichst schnell von zu Hause wegzukommen.»
Franco Supino: Ihr bäuerisches Umfeld engt Annette ein, sie will wegkommen und glaubt an Bildung, als ihre Aufstiegs- und Ausstiegschance.

Zitat: «Und so las sie und las sie – Literatur, die ihre ehemaligen Klassenkameraden im Gymnasium zu lesen vorgesetzt bekamen, und alles, was ihr sonst in die Hände fiel: Romane, sehr gerne auch Gedichte, vor allem von Frauen.»
Franco Supino: Lesen als sinnbildliche Tätigkeit der Emanzipation. Annette glaubt daran – zumindest als sie in der Lehre ist bei der Firma Schildknecht Zäune AG.

Zitat: «Arroganz ist nicht Selbstbewusstsein, und im eigenen Saft zu schmoren, bringt dich nicht weiter.»
Franco Supino: Annette verlässt das Gymnasium, freiwillig, ein grosser Fehler, wie sie im Nachhinein feststellt. Das wäre einem Kind aus einer bildungsnahen Familie nicht geschehen.

Zitat: «Nein, ich bin kein Kommunist wie ihr, ich mag die Menschen.»
Franco Supino: Peter Bichsel hat einen Kurzauftritt im Roman (ohne dass er namentlich erwähnt wird). Einer dieser Sätze, die er so dahinsagen konnte, wenn er am selben Tisch in der Beiz sass.

Zitat: «Auch wenn im Namen der Genossenschaftsbeiz weiter der Vermerk selbstverwaltet seit 1973 steht, ist sie heute, glücklicherweise, ein Restaurant wie jedes andere.»
Franco Supino: Das Genossenschaftsbeiz wollte  der Hort der gelebten Utopie sein. Dieser Spagat ist sehr anstrengend in einer Kleinstadt, deren Leitspruch lautet: «Es isch immer eso gsy».

Zitat: «Die Italiener hatten Boccia-Kugeln und Rotwein, die Alternativen Haschisch und ein Transistorradio.»
Franco Supino: Die Ausländer und die progressiven Jugendlichen bildeten in den 70er Jahren ein ungleiches Gespann, das auf gegenseitigen Missverständnissen und Idealisierungen beruhte.

«Wie kann eine Bauerntochter aus dem Gäu „Annette“ heissen?»

Zitat: «Ich war überzeugt, dass es keinen Besseren für mich gab, ich war absolut überzeugt von dieser Idee, und diese Idee, sagt Annette, bedeutete absolute Liebe, absolute Begeisterung.»
Franco Supino: Die Kurzversion: Annette ist in Concetto verliebt.

Zitat: «Ich war stolz auf meine Namensgeberin: Annette von Aretin, ausgebildete Journalistin, adliger Abstammung, über das Quiz hinaus berühmte Fernsehansagerin der ARD.»
Franco Supino: Wie kann eine Bauerntochter aus dem Gäu «Annette» heissen? Das Geheimnis um ihren Namen wird gelüftet, aber es ist nicht, wie man ihr lange glauben machen wollte, wegen der Quizsendung «Was bin ich?».

Zitat: «Vielleicht hatte Concetto recht, wenn er behauptete, alle Menschen würden sich alles selber beibringen, die Schule sei nur erfunden worden, damit die, die nichts können, wenigstens ein Diplom vorzuweisen haben.»
Franco Supino: Concetto ist 100% Autodidakt – um etwas zu lernen, braucht es keine Schulen

Zitat: «Warum waren viele dieser Kinder zufrieden und ich nicht?»
Franco Supino: Annette ist Heilpädagogin und fragt sich, was der Unterschied zwischen ihr und ihren Schülerinnen und Schülern ist.

Zitat: «Die Frage ist doch, sagt Annette, was wir von unserem Partner, unserer Partnerin erwarten. Übereinstimmung?»
Franco Supino: Annette und Concetto – ein ungleiches Paar – aber doch ein glückliches?

Zitat: «Autonom wird man nicht dadurch, dass man machen kann, was man will. Autonom wird man durch Widerstand, durch Befreiung.‹ Das haben Sie doch gesagt?« …  »Was ich Sie fragen wollte, Herr Professor: Glauben Sie, dass das auch für Menschen mit einer geistigen Behinderung gilt?»
Franco Supino: Annette begegnet an der Uni einem Professor, der ihr – scheinbar? – die Augen öffnet.

Zitat: «Erinnerst du dich, Annette, an die Aussage von Blumenberg: Bildung ist nicht ein Arsenal, Bildung ist ein Horizont?»
Franco Supino: Was ist Bildung? Das, was dich für eine Reise fit macht – nicht das, was du in deinem Rucksack hast.

Zitat: «Kreuze nie die Spur deines Lebens.»
Franco Supino: Ein Sprichwort der Inuit. Es geht eigentlich um Robbenjagd.

Zitat: «Ich habe sie lange verteidigt, sagt Annette, weil ich weiß, dass Frauen schnell als arrogant etikettiert werden, wenn sie nicht kuschen, nicht zur Kumpanei neigen oder wenn sie eine gesunde Portion Ehrgeiz zeigen.»
Franco Supino: Annette kämpft gegen die Mühlen der Bildungsbürokratie. Amanda ist ihre Gegenspielerin auf dem Bildungsdepartement. Es wird eine spannende Auseinandersetzung.

Zitat: «Denkst du manchmal auch: Wenn ich zurückkönnte … Wenn ich wieder jünger wäre … Wenn ich damals mutiger gewesen wäre …« Nein, antwortete Annette, das mache sie nie. Sie würde lieber nach vorne schauen.»
Franco Supino: François! Ihr ewiger Chef… Er hat viele Schwächen, eine, nicht mal die Schlimmste, zeigt sich in dieser Szene: Sentimentalität…

Zitat: «“Warum haben sie nicht dich gefragt?“ „Weil sie lieber einen Mann, der schlecht arbeitet, wegbefördern, als eine fähige Frau Karriere machen zu lassen“, antwortete Erika verbittert.»
Franco Supino:  Ich höre das von und sehe das in vielen Betrieben, Behörden, Institutionen: Warum steigen die grössten Flaschen auf und machen Karriere, während die, die wirklich etwas können, auf der Strecke bleiben?

Zitat: «Warum, sagt Annette, bleiben uns die Erschütterungen und Verletzungen mehr in Erinnerung als die schönen Momente?»
Franco Supino: Weil Glück selbstverständlich ist, während Unglück eine Ursache haben muss.

Zitat: «Heilpädagogik hat ein Mandat. Dieses Mandat ist – in Praxis und Theorie – die Frage nach dem Sein eines Menschen, den wir als behindert und in der Folge oft als hinder lich empfinden. Es ist die Frage nach unserem gemeinsamen Dasein und die Frage nach dem, was wir füreinander sein können.»
Franco Supino: Das ist ein Zitat von Emil E. Kobi, einem der wichtigsten Schweizer Heilpädagogen – seine Schriften sind eine pädagogische Denkschule.

«Nichts lügt so gut wie Geschichten.»

Zitat: «Ich hatte unterschätzt, was das Ende des Berufslebens mit einem macht, oder genauer: Ich hatte mich überschätzt, sagt Annette.»
Franco Supino: Sind wir bereit für Veränderungen im Leben? Oder meinen wir es nur?

Zitat: «In China, sagt Annette, weiß man, dass die Zukunft hinter uns liegt, wir sehen sie nicht. Was vor uns liegt, was wir sehen, ist die Vergangenheit.»
Franco Supino: Was wir erkennen, verbinden wir mit unserer Biographie, also mit der Vergangenheit. Erzählen ist der typische Vorgang, der sich daraus ergibt. Nichts lügt so gut wie Geschichten.

Zitat: «Nachholen? Man kann in unserm Alter nichts nachholen, sagt Annette, man wird höchstens von seiner Geschichte eingeholt.»
Franco Supino: Annette hat das Angebot, in eine pulsierende Grossstadt  zu ziehen – sie ist skeptisch.

Zitat: «Jeder Mensch fühle sich zu etwas berufen, ganz egal, ob die Umstände es zuließen, daraus einen Beruf zu machen.»
Franco Supino: Amerikanischer Optimismus – Annette ist ziemlich überrumpelt.

Zitat: «Mein fixer Gedanke in dieser unruhigen Nacht: Harald ist ein attraktiver Millionär und ich eine verschrumpelte verarmte Rentnerin. Das geht nie im Leben zusammen.»
Franco Supino: Annette kommt sich vor wie in einer Komödie: Ich habe mir einen Millionär geangelt – will jemand wissen, wie das geht?

Zitat: «Wenn ich etwas von der Schule ins tägliche Leben gerettet habe, dann ist es der Wert der Rituale. Mut zur Routine war die Losung gewesen, um als Lehrerin zu bestehen.»
Franco Supino: Mut zur Routine – diesen Spruch habe stammt von Adolf Gut – alt Rektor des Kindergärtnerinneseminars Solothurn. Woher er ihn hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

«Glück hingegen ist langweilig…»

Zitat: «Geld, das sind nicht die Münzen oder die Noten in unserem Portemonnaie, Geld definiert die Art und Weise, wie eine Gesellschaft funktioniert.»
Franco Supino: Ökonomie ist wie höhere Mathematik: Niemand versteht sie, aber sie funktioniert. Meistens.

Zitat: «Man sagt ja, man brauche jemanden zum Reden, wenn es einem schlecht geht, um das Schwere loszuwerden, während man im Glück nur schwebe und genieße. Das stimmt nicht, sagt Annette. Für Kummer bin ich gut gerüstet, ich erwarte nichts anderes. Aber das Glück wahrnehmen, wenn es da ist?»
Franco Supino: Es ist spannender, sich mit Schreckensszenarien auseinanderzusetzen. Die Tragödie fordert unseren Geist und unsere Tatkraft. Glück hingegen ist langweilig – deshalb sagt der Philosoph Arthur Schopenhauer, Glück sei ein negativer Zustand.

Zitat: «Und jetzt lass uns rausgehen, egal, was für Wetter ist, sagt Annette.»
Franco Supino: … zu den zweitglücklichsten Menschen auf der Erde. Sie können Annette vielleicht beibringen, wie man mit Glück lebt?

«Wir wollen nicht nur ein Programm für Menschen gestalten, sondern gemeinsam mit ihnen»

Foto © Simon von Gunten.

Am Samstag, 26. September 2026, findet im Alten Spital Solothurn das interkulturelle SPAZIO-Fest statt. Im Gespräch mit Zmitz erklärt Patrizia Lehmann, neue Betriebsleiterin der Institution, was die Teilnehmenden am Fest erwartet, welche Schwerpunkte das Alte Spital setzen will und welches ihre ersten Erfahrungen seit ihrem Start im Mai 2026 waren – und: Sie kündigt an, dass das «Restaurant Altes Spital», das in den letzten Jahren jeweils nur im Sommer in Betrieb war, am 5. November 2026 wieder ganzjährig seine Türen öffnen wird.

Ist das SPAZIO-Fest vom 26. September 2026 ein neues Format im Angebot des Alten Spitals?
Ganz neu ist die Idee eines interkulturellen Festes im Alten Spital nicht. Früher gab es das Ausländerfest, später das Freundschaftsfest. Danach fand lange kein vergleichbarer Anlass mehr statt. Mit dem SPAZIO-Fest knüpfen wir an diese Tradition an und interpretieren sie neu. Im Zentrum steht die Vielseitigkeit unserer Region: Unterschiedliche Menschen, Kulturen, Sprachen, Geschichten und Perspektiven kommen zusammen. Das Fest richtet sich ausdrücklich an alle Menschen – unabhängig von Herkunft, Sprache oder Kultur.

Wie ist das SPAZIO-Fest entstanden? Und was erwartet die Besuchenden?
Das Fest wurde von unserem Integrationsteam gemeinsam mit verschiedenen Communities entwickelt. Das ist uns wichtig: Wir wollen nicht nur ein Programm für Menschen gestalten, sondern gemeinsam mit ihnen. Das SPAZIO-Fest verbindet Wissen, Austausch, Kulinarik und Musik. Ab 16.30 Uhr sind die Bar und eine Earth-Radio-Installation geöffnet. Um 17 Uhr spricht Atina Tabé zum Thema «Rassismus & Heimat». Anschliessend findet eine von Maryam Sediqi von AWAS moderierte Podiumsdiskussion statt. Ab 18 Uhr laden Spezialitäten aus Afghanistan, Marokko und Spanien zu einer kulinarischen Entdeckungsreise ein. Ab 19 Uhr folgen Konzerte von Maqsood Sadid und Hafi z Hamnawa mit afghanischer Musik sowie von Hermanos Perdidos mit World-, Latin- und Punk-Klängen.

Und das Ganze ist gratis?
Genau, der Eintritt ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Wir wünschen uns einen unkomplizierten Begegnungsabend, an dem man Neues entdecken, miteinander ins Gespräch kommen und die kulturelle Vielfalt der Region Solothurn gemeinsam feiern kann.

«Das Fest steht beispielhaft für unser Verständnis von Integration: Menschen gestalten gemeinsam etwas, kommen miteinander ins Gespräch und erleben Vielfalt als Bereicherung.»

Verstärkt ihr allgemein euer Engagement im Bereich Integration und Migration?
Integration gehört bereits seit Langem zu den wichtigen Aufgaben des Alten Spitals. Wir führen im Auftrag der Stadt Solothurn die Fachstelle Integration und sind damit für die operative Integrationsarbeit der Stadt zuständig. Es handelt sich also nicht um ein neues Engagement, wir möchten diese Arbeit und ihre Wirkung künftig aber stärker sichtbar machen.

Was heisst das konkret?
Die Fachstelle entwickelt soziokulturelle Angebote, Projekte und Veranstaltungen, die Begegnungen ermöglichen und Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander vernetzen. Sie begleitet Migrantinnen und Migranten in ihren Anliegen, schafft Räume für Empowerment und fördert zivilgesellschaftliches Engagement. Gleichzeitig arbeitet sie eng mit anderen Organisationen zusammen und engagiert sich in verschiedenen Netzwerken.
Mit Formaten wie dem SPAZIO-Fest wird diese Arbeit für eine breitere Öffentlichkeit erlebbar. Das Fest steht beispielhaft für unser Verständnis von Integration: Menschen gestalten gemeinsam etwas, kommen miteinander ins Gespräch und erleben Vielfalt als Bereicherung.

«Nicht bei allen Tätigkeiten steht unser Haus im Zentrum.»

Wo setzt ihr eure weiteren Schwerpunkte – auch angesichts der knappen finanziellen Mittel?
Gerade bei knappen Mitteln müssen wir unsere Kräfte gezielt einsetzen. Unser Schwerpunkt liegt deshalb zunächst darauf, die bestehenden Angebote zu stärken, besser miteinander zu verbinden und ihre Wirkung sichtbarer zu machen.
Das Alte Spital vereint Soziokultur, Kultur, Gastronomie, Seminare, Vermietungen sowie verschiedene Freizeit- und Begegnungsangebote. Wichtig ist mir dabei: Nicht bei allen Tätigkeiten steht unser Haus im Zentrum. Gerade in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit arbeiten wir im Auftrag verschiedener Gemeinden in der ganzen Region. Unsere Mitarbeitenden sind dort präsent, wo die Kinder und Jugendlichen leben und ihre Freizeit verbringen. Das Alte Spital bildet in diesen Fällen die organisatorische und fachliche Basis, die konkrete Arbeit geschieht jedoch vor Ort in den Gemeinden.

Ihr seid sehr vielseitig tätig…
Diese Vielseitigkeit ist eine grosse Stärke, bringt aber auch eine gewisse Komplexität mit sich. Ich sehe viel Potenzial darin, die einzelnen Bereiche noch stärker als Teil eines gemeinsamen Ganzen zu verstehen – ohne ihre unterschiedlichen Aufgaben und Arbeitsweisen aus den Augen zu verlieren. Wir müssen nicht überall etwas Neues erfinden. Oft liegt der grösste Gewinn darin, Bestehendes weiterzuentwickeln, Synergien zu nutzen und mit Gemeinden, Institutionen, Vereinen und weiteren Partnerinnen und Partnern zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig müssen wir unsere betrieblichen Grundlagen stärken, damit möglichst viele Ressourcen direkt in unsere Angebote und deren Wirkung fliessen können.

«Das Restaurant öffnet am Donnerstag, 5. November 2026, wieder seine Türen.»

Was ist eigentlich mit dem Restaurant im Alten Spital? Das ist ja ebenfalls ein Begegnungsort, war aber in den vergangenen Jahren immer nur im Sommer geöffnet.
Das Restaurant öffnet am Donnerstag, 5. November 2026, wieder seine Türen. Es wird jeweils von Donnerstag bis Samstag am Abend offen sein. Damit möchten wir das Alte Spital auch in der kälteren Jahreszeit stärker beleben. Unser Haus soll nicht nur bei Veranstaltungen oder im Sommergarten ein Treffpunkt sein, sondern auch im Winter ein Ort, an dem man sich begegnet, gemeinsam isst und einen schönen Abend verbringt.

Wie sieht das Konzept für das Restaurant aus?
Das Konzept ist bewusst klein und fokussiert: wenige Gerichte, hochwertige Produkte und eine sorgfältige Zubereitung. Im Mittelpunkt stehen ausgewählte Edelstücke vom Rind, ergänzt durch ein eigenständiges vegetarisches Hauptgericht. Mit 35 Plätzen bleibt das Restaurant persönlich und überschaubar. Auch der Name «Restaurant Altes Spital» ist bewusst einfach gehalten. Er schafft eine klare Verbindung zum Haus und lässt gleichzeitig Raum für die weitere Entwicklung.

«Wenn wir unsere verschiedenen Kompetenzen und Angebote noch stärker miteinander verbinden, kann sehr viel entstehen.»

Du bist erst seit einigen Monaten Betriebsleiterin des Alten Spitals. Wann genau hast du begonnen, und wie wurdest du aufgenommen?
Ich habe die Betriebsleitung am 1. Mai 2026 übernommen und wurde sehr herzlich aufgenommen. In den ersten Wochen war es mir wichtig, vor allem zuzuhören, die Mitarbeitenden kennenzulernen und die verschiedenen Bereiche und Aufgaben zu verstehen.  Besonders beeindruckt haben mich die Vielseitigkeit des Alten Spitals und das grosse Engagement der Mitarbeitenden. Unter dem Dach unserer Organisation finden Kinder- und Jugendarbeit, Integration, Quartierarbeit, Kultur, Gastronomie, Seminare und zahlreiche weitere Aktivitäten statt. Ein Teil davon spielt sich im Alten Spital selbst ab, andere Angebote wirken weit über das Haus hinaus. Besonders unsere soziokulturellen Mitarbeitenden sind in verschiedenen Gemeinden der Region direkt vor Ort tätig. Diese Vielfalt macht die Organisation lebendig und einzigartig. Gleichzeitig ist der Betrieb dadurch anspruchsvoll. Gerade darin sehe ich aber ein grosses Potenzial: Wenn wir unsere verschiedenen Kompetenzen und Angebote noch stärker miteinander verbinden, kann sehr viel entstehen.

Du warst bisher im Kommunikationsbereich tätig. War der Wechsel in eine neue Welt schwierig?
Für mich ist es weniger ein Wechsel in eine völlig neue Welt als eine Erweiterung meiner bisherigen Tätigkeit. Ich war bereits um 2008 Geschäftsführerin einer Online-Agentur in Zürich. Ich weiss deshalb, was es bedeutet, ein Unternehmen zu führen, Verantwortung für Mitarbeitende und Finanzen zu übernehmen und unterschiedliche betriebliche Anforderungen zusammenzubringen.
Auch in meiner späteren Arbeit in Kommunikation und Marketing ging es nie nur um Texte oder einzelne Kommunikationsmassnahmen. Ich habe Unternehmen und Organisationen begleitet, Projekte koordiniert, unterschiedliche Anspruchsgruppen zusammengebracht und mich intensiv mit Strukturen, Angeboten und strategischen Fragen auseinandergesetzt.

Was kannst du von deinen bisherigen beruflichen Erfahrungen einbringen?
Diese Erfahrungen helfen mir heute sehr. Kommunikation bedeutet für mich auch, gut zuzuhören, Zusammenhänge zu erkennen, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und gemeinsame Ziele verständlich zu machen. Dazu kommen meine Erfahrungen in Organisation, Projektarbeit und Führung.
Natürlich gibt es neue Themen, in die ich mich vertiefen muss. Aber genau das finde ich spannend. Das Alte Spital verbindet vieles, was mich interessiert: gesellschaftliches Engagement, Kultur, Begegnung, Gastronomie, Organisation und Kommunikation.

«Unsere Arbeit steht für Offenheit, Begegnung, gesellschaftliche Teilhabe und die Freude daran, Unterschiede nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung zu erleben.»

Zum Schluss: Welche Botschaft im Zusammenhang mit dem Alten Spital Solothurn ist dir besonders wichtig?
Das Alte Spital ist weit mehr als ein Veranstaltungsort oder ein Gebäude mit verschiedenen Angeboten. Es ist eine vielseitige Organisation, die Menschen innerhalb und ausserhalb des Hauses erreicht: Kinder und Jugendliche, Kulturschaffende, Vereine, Unternehmen, Menschen aus verschiedenen Ländern und Generationen sowie Gäste aus Solothurn und der ganzen Region.
Einige Begegnungen finden bei uns im Haus statt, andere direkt in den Gemeinden. Entscheidend ist nicht, dass dabei immer das Alte Spital im Zentrum steht. Entscheidend ist die Wirkung: Menschen zusammenzubringen, Teilhabe zu ermöglichen und Räume für Ideen, Austausch und gemeinsame Erlebnisse zu schaffen.
Diese Vielseitigkeit möchten wir bewahren und gleichzeitig weiterentwickeln. Das SPAZIO-Fest bringt sehr schön auf den Punkt, wofür unsere Arbeit stehen kann: für Offenheit, Begegnung, gesellschaftliche Teilhabe und die Freude daran, Unterschiede nicht als Hindernis, sondern als Bereicherung zu erleben.

«Wir interessieren uns generell für Geschichten von Menschen, die sich irgendwo fremd fühlen oder als fremd wahrgenommen werden»

PASDICI haben kürzlich zu ihrem Lied «parti» ein wunderbares Musikvideo publiziert. Grund genug, mit Regula Born und Oliver Leist, der Sängerin und dem Komponisten der Solothurner Formation, ein Gespräch zu führen. 

Wie ist PASDICI entstanden?
Regula: Vor mehr als 15 Jahren sang ich in Jazzbands bekannte Standards und hatte den Wunsch, französische Texte zu interpretieren. In den Sommerferien hielten wir uns für drei Wochen in einem kleinen Häuschen in der Bretagne auf. Oliver musste noch einen Auftrag für eine Filmmusik fertigstellen. Ich stöberte derweil in Büchereien vor Ort auf der Suche nach französischer Lyrik. Abends zeigte ich Oliver meine tägliche Ausbeute und las ihm das eine oder andere Gedicht vor. Da sein Filmmusikauftrag schneller fertig war als gedacht, nutzte er die Zeit für erste Liedskizzen. Das war die Geburtsstunde von PASDICI.

Was hat es mit dem Namen auf sich?
Oliver: PASDICI «pas d’ici» bedeutet aus dem Französischen übersetzt «nicht – von – hier». Wir interessieren uns generell für Geschichten von Menschen, die sich irgendwo fremd fühlen oder als fremd wahrgenommen werden; in allen möglichen Situationen und Zusammenhängen – Deplatzierte, Ausgegrenzte, die also «pas d’ici» sind. Mit «Je ne suis pas d’ici» haben wir auch ein Chanson in unserem Programm. Der Text stammt vom französischen Autor Georges Perros. Das Lied hat die Idee zu unserem Konzept angestossen.

«Die Chansons gehen nun etwas mehr in die Beine…»

Wie würdet ihr die Musik von PASDICI beschreiben?
Oliver: Wer sich die Chanson-Versionen mit Pianobegleitung anhört, nimmt eine klassische Form der Liedbegleitung wahr; im Tempo variierend, dynamisch expressiver, eher rubato, wie man dies auch von der Klassischen Musik her kennt. Nachdem ich für PASDICI vorwiegend als Komponist tätig war, habe ich vor drei Jahren meine Instrumente aus dem Keller hervorgeholt. So ist mit Regula und mir ein neues – zusätzliches – Duo entstanden. Die Formation PASDICI maison interpretiert die Chansons neu mit Bass, Gitarre, Looper und Electronics. Die Chansons gehen nun etwas mehr in die Beine…
Mit PASDICI maison sind wir flexibel: Wir können mit der elektronischen Ausstattung einerseits grosse Räume bespielen, andererseits bieten wir ein akustisches Programm für intimere Rahmen an.

Wieso gerade französische Chansons?
Regula: Französisch ist meine Gesangssprache – so wie für Peter Bichsel das Hochdeutsche seine Schreibsprache war. Ich liebe den Klang der französischen Sprache; sie klingt auch gesprochen wie Musik in meinen Ohren! Obwohl ich nicht damit aufgewachsen bin, singt sich Französisch für mich natürlicher als alle anderen Sprachen.

«Die Inspirationsquelle zur musikalischen Gestaltung ist der Text.»

Habt ihr musikalische Vorbilder?
Oliver: Explizit haben wir keine Vorbilder. Wir haben in verschiedenen Formationen musiziert, sind mit verschiedenen Stilen in Berührung gekommen und haben viel Musik gehört. Das hat uns geprägt. Die Inspirationsquelle zur musikalischen Gestaltung ist der Text. Er gibt das mögliche Tempo vor. Text und Tempo führen mich dann zur Melodie und zum Arrangement. Manchmal ist ein Stil erkennbar, manchmal nicht. Entwickelt sich das Lied zu einem Reggae, einem Punkstück oder einer Ballade, hat das mit der Tempovorgabe und dem Textinhalt zu tun. Manchmal entwickle ich dasselbe Chanson parallel in unterschiedlichen Stilen. Am Schluss wird die Version ausgewählt, die am besten funktioniert.

Was ist der Hintergrund eures neusten Musikvideos?
Regula: Durch eine Anfrage unseres Freundes und Videoproduzenten Marcel Schumacher erhielten wir die Gelegenheit, Aufnahmen mit einer Unterwasserkamera zu machen. Wir überlegten, mit welchem unserer Chansons wir eine Geschichte mit solchen Wasser-Aufnahmen erzählen könnten. Die Wahl ist auf «parti» gefallen: Der Text von diesem Chanson stammt von der französischen Dichterin Hélène Cadou. Sie verarbeitet in diesem Text die Trauer über den Verlust ihres geliebten Gefährten. Das besonders Schöne an diesem Gedicht: Es ist ein Gespräch mit dem Verstorbenen und vereint Trauer, Ohnmacht, Hoffnung, Dankbarkeit, Liebe.

«Kommt an unsere Konzerte – wir freuen uns auf euch!»

Welchen Bezug habt ihr eigentlich zu Solothurn und zur Region?
Regula: Wir beide sind im Kanton aufgewachsen. Wir beide leben und arbeiten im Kanton.

Musik ist nicht euer Hauptberuf. Was macht ihr sonst noch?
Regula: Geld verdienen. Wir beide sind als Lehrpersonen tätig. Und: Wir haben einen grossen Garten – mit Vielem, was dann auf unsere Teller kommt. Wir lieben gutes Essen.

Was habt ihr in der nächsten Zeit für Pläne?
Regula: Am 24. Oktober 2026 werden wir zusammen mit den Gasthof Kreuz in Egerkingen den Anlass «Klang & Kulinarik» durchführen. Der Auftrittsort ist klein und fein. (Weitere Auftritte findet man auf der Webseite von PASDICI, siehe Link unten).

Was wollt ihr den Zmitz-Leser:innen sonst noch mitteilen?
Regula: Kommt an unsere Konzerte und hört euch die Musik von PASDICI an. Wir freuen uns auf euch!

Links:

«Es wird in jedem Fall anregend bis turbulent»

Am Freitag, 4. September 2026, startet Jens Wachholz bereits die dritte Reihe von Lesungen in verschiedenen Museen der Region. Was ist neu?  Was plant er sonst noch? Ein Gespräch mit dem Solothurner Schauspieler.

Du bist in der Region sehr präsent, über den Sommer hat man wenig von dir gehört….
Wenig von mir gehört ist einerseits richtig – ich habe andererseits hören lassen, und zwar habe ich das Freilichttheater in Grenchen inszeniert, dass sehr erfolgreich bis Mitte Juli lief. Danach war ich tatsächlich zwei Monate in Deutschland und habe selber Sommertheater gespielt. Jetzt bin ich wieder voll »in Town« und froh, dass es nun wieder mit den Museumslesungen los geht.

Genau, Anfang September startet bereits die dritte Ausgabe deiner Museumslesungen. Offenbar stimmt das Konzept?
Ich hoffe sehr, dass dieses Konzept stimmt und auch weiterhin Zuspruch findet. Die Synergien für die Museen und die Zuhörenden sind interessant, ausserdem ist es eine kostengünstige und niederschwellige Möglichkeit, nicht nur bekannte oder unbekannte Texte zu hören, sondern dies eben auch in einem Ambiente, das die Atmosphäre sehr mitträgt und einen neuen Raum der Wahrnehmungen eröffnen kann. Die Museen können gleichfalls auf Ihre jeweiligen Programme hinweisen und das ist – bei freiem Eintritt – eigentlich mehr als man sich zu wünschen getraut.

«Die Texte passen sehr gut in die jeweiligen Räume.»

Wie hast du dieses Mal die Auswahl der Autoren getroffen?
Dieses Jahr habe ich pro Museum wieder scharf nachgedacht und aus meinem endlosen Fundus Texte gefunden, die sehr gut in die jeweiligen Räume passen. Mit Kehlmanns «Vermessung der Welt» im Naturmuseum geht es los. Passender geht es kaum. Dann freue ich mich auch auf alle neuen Orte –das Steinmuseum und das Schlössli Vorder-Bleichenberg – sowie auf die Auswahl der Texte. «Felix Krull» im leicht mondänen Anwesen des Schloss Waldegg. Das wird ein grosser Spass – gemeinsam mit der Cellistin Barbara Gasser.

Dein Schauspielerkollege Hanspeter Bader ist bei einer Produktion auch wieder dabei.
Ja, mit Hanspeter Bader lese ich »Indianersommer« von Urs Widmer im Kunstmuseum Solothurn. «Im Westen nichts Neues» ist gerade heute wieder ein tragischerweise passender Text, den ich in unserem Alten Zeughaus zum besten geben werde. Mit Gerhard Meier (Schlössli Vorder-Bleichenberg) und Robert Walser (Blumenstein) habe ich diesmal auch zwei ehemals regional verankerte Autoren gewählt. Kafka im Kunsthaus Grenchen ist diesmal ein Vorschlag des Kunsthaus-Leiters Robin Byland zum Thema «Druck».

Was ist die Idee dahinter?
Die Maschine in der kafkaschen «Strafkolonie» ist nicht nur ein Hinweis auf kommendes maschinelles Eigenleben – Stichwort KI) – sondern beschreibt auch die Ohnmacht des Menschen vor Willkür und falscher Staatsräson. Die Drucktechniken im künstlerischen Bereich sind hier wie ein Namensgeber. Druck und Druck. Der «Mythos von Sisyphos» ist nirgendwo besser aufgehoben als im Steinmuseum. Also ein sehr dichtes, abwechslungsreiches Programm, dass man reservieren kann oder einfach spontan vorbeischaut. Es ist alles gratis und hinterher wird eine zwanglose Kollekte gereicht.

«Jeder Text ist Weltklasse.»

Hast du einen persönlichen Favoriten?
Eine gemeine Frage: Ich mag alle Texte sehr gern, sonst hätte ich sie ja nicht gewählt, und möchte hier meine persönliche Favoritenrolle nicht nennen. Es ist ja auch kein Wettbewerb.  Jeder Text ist Weltklasse. Aber über die Umsetzung möchte ich noch nicht allzu viel verraten. Es wird in jedem Fall anregend bis turbulent.

Ausser den Autoren: Gibt es weitere Änderungen?
Als neue Orte sind wie erwähnt das Steinmuseum Solothurn und das Schlössli Vorder-Bleichenberg in Biberist hinzugekommen, worüber ich sehr glücklich bin. Wunderbare Orte und hoffentlich auch viele interessierte Hörer:innen. Ich finde es auch anregend, wenn mir Zuschauende Ihre (literarischen) Wünsche verraten…. Auch das kann für mich sehr anregend sein. Ich werde fortan ein Gästebuch auslegen, in dem man Anregungen und Wünsche hinterlassen kann.

«Da freue ich mich sehr drauf.»

Hast du weitere Projekte im Köcher?
Ich wäre nicht Ich, wenn dem nicht so wäre. Ab dem 5. November zeigen wir in der Kulturgarage ein neues Theaterprojekt in zehn Vorstellungen. Wir nähern uns dem Kosmos des Rainer Maria Rilke an. Gemeinsam mit den Musikern Barbara Gasser und Martin von Allmen werden wir textlich und musikalisch den Lebens- und Schaffenskosmos Rilkes beleuchten.
Schon am 29. August 2026 liest der Berner Filmemacher Felix Tissi in der Kulturgarage Solothurn aus seinen zwei neuen Büchern und anschliessend schauen wir seinen letzten Film «Aller Tage Abend». Da freue ich mich sehr drauf. Ich bin da nur der Veranstalter, obwohl ich im Film auch mitspiele.

Kommt noch mehr von dir?
Nach dem erwähnten Rilke-Projekt im November gibt es Anfang Dezember einen Abend von Hanspeter Bader und Dülü Dubach in der Kulturgarage, den ich auch etwas betreue und auf den ich mich sehr freue. Es geht um die «lieben Nachbarn».
Und: Am – ACHTUNG – 1. Januar 2027 um 19 Uhr kann man mich mit Alfred Döblins »Berlin Alexanderplatz« erstmals in Solothurn in meiner »Mundart« hören. Der in Berlin spielende Roman wird von Ben Jeger und mir im Rahmen der Lesereise im Theater Delly in Solothurn gezeigt.  Bei dieser Lesereihe geht es in diesem Zyklus um Mundart. Für den Rest des Jahres also volles Programm. Ich freue mich auf jeden einzelnen Abend.