Beiträge der Kategorie

Kultürchen 10

Das diesjährige Kultürchen ist eine Fortsetzungsgeschichte, ein Schreibexperiment sozusagen. Teil 10 geschrieben hat Johnny Sollberger, die Illustration dazu ist von Melanie Caroline Wigger.

Ich spüre einmal mehr, dass ich mit dem Rauchen aufhören sollte. Keuchend und trotz den eisigen Temperaturen so stark schwitzend, dass sich ein Biotop unter meinem Wintermantel bildet, renne ich die letzten Meter Richtung Haustür. Das Seitenstechen hat schon nach den ersten paar Metern eingesetzt und die rutschigen Eisflächen, durch die mein Heimweg zu einer Art Hindernisparcours wird, machen das Rennen auch nicht angenehmer. Ich krame zitternd meinen Hausschlüssel hervor und treffe beim dritten Versuch sogar das Schlüsselloch. Diese unbeholfenen Bewegungsabläufe kenne ich bestens von mir. Allerdings sind sie heute auf meine Nervosität zurückzuführen und nicht auf die Hafebar.

Nadja ist also schwanger. So lange haben wir auf diese Nachricht gehofft. Immer wieder sind wir enttäuscht worden. Und jetzt soll es tatsächlich soweit sein? Eigentlich hätte ich es merken sollen, hatte sie letzte Woche doch plötzlich eigenartige Gelüste nach Rust-Schinkengipfeli. Bevor ich den Schlüssel umdrehe, halte ich nochmal inne.

Ich Idiot. Sie hat diese wunderbare Nachricht und plant einen schönen Abend, um mich damit zu überraschen und ich benehme mich wie der hinterletzte Arsch. Und das alles nur, weil ich zu so einem Grinch mutiert bin. Weil Weihnachten für mich nur noch Katerausschlafen nach dem Chutz-Apéro bedeutet.

Ich habe die Worte für meine Entschuldigung schon fast zusammen, da öffnet sich die Tür. Nadja steht mir gegenüber und schaut mich verschlafen an.

 

Johnny Sollberger ist Schauspieler und Ehrenmitglied des Theaters Mausefalle, spielt gerne Impro-Theater und ist zudem Frontmann der Band «Blingtext».

Du hast die vorigen Teile der Adventsgeschichte verpasst? Dann klick unten:

Kultürchen 9

Das diesjährige Kultürchen ist eine Fortsetzungsgeschichte, ein Schreibexperiment sozusagen. Teil 9 geschrieben hat Felix Epper, die Illustration dazu ist von Melanie Caroline Wigger.

Waren Füchse nun schlau oder weise? Nadja starrt in ein Paar schwärzeste Augen und sie erinnert sich: 1986 hat ein Fuchsschwanz ihr erstes Moped verziert. «Netter Kunstpelz», flüstert das Tier. Ein vergessliches Wesen offenbar. «Ich bin schlau und weise. Spüre! Spüre in den Taschen deiner Jacke!» Nadja vergräbt die Hände, greift zu und bald rieseln Papierschnitzel im Lampenlicht. «Zwei Tickets für Göläs X-Mas-Gala im Konzertsaal? Ich wünsche, ich wäre dabei. Aber noch lieber schnappe ich mir diese Schwarte hier aus dem Müll. Lecker und  schon sehr ranzig! Du klebst die Karten mit diesem rosa Klebeband wieder zusammen!» Der Fuchs gluckst. «Sei so lieb und bring mir ein paar Schinkengipfeli vom Rust mit, wenn die Show aus ist. Wirf sie beim Soldatendenkmal auf den Boden.» – «Gölä hat sich einen Engel auf einer Harley auf den Oberarm stechen lassen», fährt es Nadja noch durch den Kopf. Und das faulige, gelbe Fett an den Zähnen des eigentlich netten Fuchses riecht widerlich. «Jetzt nur nicht schon wieder umkippen. Himmel, hilf!»

Als Nadja bachnass erwacht, erinnert sie sich an rosarote Konzerttickets, eine eingeschneite Stadt und einen sprechenden Fuchs. «Samuel, du wirst nicht glauben, was ich geträumt habe. Gölä gibt Weihnachtskonzerte. Ich hatte als Teenie einen Fuchsschwanz an meinem Puch Maxi. Rust ist immer noch Caterer im Konzertsaal. Die berühmten Tiefkühl-Schinkengipfeli, weisst du…» Doch das Bett ist verlassen. An die Stelle des Traumes schieben sich andere Erinnerungen. Es ist Mitternacht und auf einem Baumstrunk kauert eine weisse Gestalt. Eiskristalle setzen sich auf dem Oberlippenbart fest. Mund und Nase atmen und solange ist noch Hoffnung. Aber dieser Engel, der einen armen Teufel einfach im Stich lässt. Wie soll man derlei Kreaturen nennen? Was niemand weiss: Richtung Einsiedelei schleicht ein Fuchs.

 

Felix Epper ist Solothurner Autor und Sprachkünstler, der bei zmitz schon mehrfach präsent war und weiter sein wird.

Du hast die vorigen Teile der Adventsgeschichte verpasst? Dann klick unten:

Kultürchen 8

Das diesjährige Kultürchen ist eine Fortsetzungsgeschichte, ein Schreibexperiment sozusagen. Teil 8 geschrieben hat Regula Portillo, die Illustration dazu ist von Melanie Caroline Wigger.

«Ach Samuel.»

Ich zucke zusammen. «Warum weisst du, wie ich heisse?»

Da hebt die weisse Gestalt den Arm in Richtung Steinbrücke, neigt den Kopf lächelnd zur Seite und schaut mich mitleidig an. «Ich bin ein Engel. Schon vergessen?»

«So ein Blödsinn!», schiesst es aus mir heraus. Mein Atem bildet kleine Wölkchen in der kalten Luft. Ruhe bewahren und nachdenken, ermahne ich mich selbst. Bestimmt war es Nadja gewesen, die diesem Engelstypen meinen Namen verraten hatte. Nadja, unser Streit, mein überhasteter Aufbruch – langsam sehe ich klarer. Sie hat mich absichtlich provoziert, damit ich in den Wald renne, um hier der von ihr entsandten Engelsfigur zu begegnen! Ich spüre Erleichterung, spüre Ärger. So wie es aussieht, stecke ich nämlich mitten im «weihnächtlichen Anlass», vor dem ich davongerannt war. Wie clever von Nadja – und wie peinlich, dass ich auf ihre Inszenierung hereingefallen war. Aber halt, da war ja noch etwas. Von Hormonumstellung hatte der Engelsmann gesprochen. Ich fasse mir an die Stirn. Das ist es also: Nadja teilt mir gerade auf originelle Art und Weise mit, dass sie schwanger ist! Während ich mich frage, was ich davon halten soll, greift der Engelsmann nach meiner Hand und lässt sie auch nicht los, als ich sie entschlossen zurückziehen will. Was hat er vor mit mir?

Da halte ich auf einmal inne: Wie eigenartig, dass ich seine Hand nicht fühlen kann, ganz so, als würden wir einander nicht berühren. Erschrocken hebe ich den Blick, starre in des Engels Gesicht, vor dem sich keine Atemwölkchen bilden. Er atmet weder ein noch aus. Er lächelt nur.

 

Regula Portillo ist im Kanton Solothurn aufgewachsen. Die Autorin hat vor zwei Jahren ihren zweiten Roman «Andersland» herausgegeben (schau hier).

Du hast die vorigen Teile der Adventsgeschichte verpasst? Dann klick unten:

Kultürchen 7

Das diesjährige Kultürchen ist eine Fortsetzungsgeschichte, ein Schreibexperiment sozusagen. Teil 7 geschrieben hat Roland Heim, die Illustration dazu ist von Melanie Caroline Wigger.

Sie lenkt ihre Schritte der Altstadt zu. Sie friert erbärmlich und rutscht immer wieder aus. Da hört sie etwas und dreht sich um. War da nicht ein Schatten? Also eigentlich eher ein weisser Hauch eines Schattens? Nichts. Halt doch! Es ist der Quartierfuchs, der sich mal wieder an den «KEBAG-Ghüder-Säcken» zu schaffen macht. Beim Anblick des herumliegenden Inhalts der zerfetzten Kehrichtsäcke wird ihr fast schlecht, und sie verspürt  wieder dieses komische Gefühl im Magen; eigentlich schon seit ein paar Tagen. «Toll», denkt sie, «jetzt noch eine Magen-Darmgrippe!» Aber es ist ihr so was von egal, denn die Tickets, die sie im Internet vor drei Monaten sensationellerweise für dieses ganz spezielle Adventskonzert ergattern konnte, hat sie eh zerrissen.

«Sieh dich um», sagt mir die weisse Gestalt. Ich hebe den Blick und meine Augen verfolgen die Spur des Mountainbikerasers im Schnee. Sie führt über eine alte Steinbrücke. Diese ist total vereist. Das Rauschen des darunter fliessenden, durch wunderschöne Eiszapfen verzierten Baches, wird durch die vielen schneeskulpturbildenden Büsche gedämmt. Langsam dämmert es mir. Ich musste wohl fast blindlings gegen die Martinsfluh gelaufen sein, bis mich diese Öufi-Gestalt abgedrängt hat, hier hinunter zu dieser Stelle, an der wir jetzt stehen. Hinter mir der Wald, rechts der Verenabach, und geradeaus sind zwischen den verschneiten Bäumen die Lichtkegel der St.-Ursen-Scheinwerfer am mit Schneeflocken durchsetzten Himmel zu sehen. «Lass diesen Ort auf dich wirken», höre ich wieder den weiss gekleideten Typen, «Denk dran, diese wunderschöne, winterlichweihnächtliche Stimmung, verbunden mit der Hormonumstellung, kann oft vieles erklären». «Hormonumstellung? Von wem sprichst du?»

 

Roland Heim ist Alt-Regierungsrat des Kantons Solothurn. Neben den magistralen Verpflichtungen ist er als Liedermacher bekannt und beliebt.

Du hast die vorigen Teile der Adventsgeschichte verpasst? Dann klick unten:

Kultürchen 6

Das diesjährige Kultürchen ist eine Fortsetzungsgeschichte, ein Schreibexperiment sozusagen. Teil 6 geschrieben hat Mirjam Staudenmann, die Illustration dazu ist von Melanie Caroline Wigger.

«Öuf Weihnachtsengel seid ihr also», äffe ich den Solothurner Weihnachtsengel nach. Das «ö» betone ich mit übertrieben geformten Lippen. Diesen Dialekt habe ich noch nie verstanden. In Le Landeron, wo ich aufwuchs, war mir das Schweizerdeutsch nicht fremd. Jedoch war es das Berndeutsch, das die Zihl vom gegenüberliegenden Ufer ins Neuenburger Städtchen trug. Den Solothurner Dialekt lernte ich erst durch Nadja kennen und in unseren Auseinandersetzungen merkte ich schnell, dass mein «voilà» ihr «ebe» ist und trotzdem nicht der einzige Grund, warum wir einander nicht verstehen.

In einem unserer ersten Streite hat mir Nadja einmal lachend die Hände entgegengestreckt und mir gesagt, wir sollten uns vertragen, schliesslich hätten sich unsere Gemeinden im 15. Jahrhundert in einem Bündnis tapfer gegen den Berner Einfluss gewehrt. Ich merke, wie mir der Gedanke einen Stich versetzt. Hier in der Kälte ist von dem Verbindenden einer Partnerstadt wahrlich nichts mehr spürbar.

«Achtung!», höre ich plötzlich eine Stimme neben mir. Der Kofmehl-Engel reisst an meinem Arm und mich aus den Gedanken. Ich weiche zurück und ein Fahrrad dem Crash mit mir aus. Ein Fahrrad? Ich muss diesem Blödmann gedankenversunken aus dem Wald gefolgt sein.

«Wo hast du mich hergebracht?», frage ich.

 

Mirjam Staudenmann ist zmitz-Bloggerin der ersten Stunde. Sie ist Primarlehrerin in Pieterlen.

Du hast die vorigen Teile der Adventsgeschichte verpasst? Dann klick unten:

Kultürchen 5

Das diesjährige Kultürchen ist eine Fortsetzungsgeschichte, ein Schreibexperiment sozusagen. Teil 5 geschrieben hat Alexandra von Arx, die Illustration dazu ist von Melanie Caroline Wigger.

«Nicht mit mir!», ruft Nadja und erschrickt dabei. Sie schaut sich um, vergewissert sich, dass er wirklich gegangen ist, vielleicht auch, dass er noch nicht zurückgekommen ist, denn das tut er immer, zurückkommen, nach jedem Streit steht er irgendwann wieder im Flur und murmelt entschuldigende Worte, lächelt vorsichtig, berührt sie sanft. Manchmal ist auch sie es, die Reue zeigt. Dann folgt sie ihm, wenn er das Haus verlässt, überrascht ihn im Wald, wo er sich nach einem Streit jeweils herumtreibt, murmelt entschuldigende Worte, lächelt vorsichtig, berührt ihn sanft. Die Versöhnung nach einem Streit ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Heute nicht. Heute gibt es kein Amen. Keine Kirche. Nadja zerreisst die beiden Karten für das Adventskonzert. Sie hatte ihn damit überraschen wollen, hatte nur erwähnt, dass es sich um einen weihnachtlichen Anlass handle. Um einen weihnachtlichen Anlass, wiederholte er und in seinen Augen flammte etwas auf. Spott? Abneigung? Auf jeden Fall löste sein Blick etwas in ihr aus. Als hätte er auf einen Knopf gedrückt – klick – waren alle Gefühle der letzten Vorweihnachtszeit wieder da. Gefühle, die sie vergessen hatte. Gefühle, die sie vergessen geglaubt hatte. Gefühle: Harmoniebedürfnis, Erwartungen und Enttäuschungen. Und mit den Gefühlen war auch der Streit wieder da, den sie vor einem Jahr hatten und vor zwei Jahren und vor drei. Alle Jahre wieder?

«Nicht mit mir!», ruft Nadja noch einmal, als sie das Haus verlässt, kurz zum Wald schaut, dann aber in die entgegengesetzte Richtung davon stampft.

 

Alexandra von Arx schreibt seit 2016. Die Oltnerin hat 2018 den Förderpreis Literatur des Kantons Solothurn erhalten. Ausserdem gehört die Juristin zum Schweizerischen Expertenpool für zivile Friedensförderung und ist als Wahlbeobachterin tätig.

Du hast die vorigen Teile der Adventsgeschichte verpasst? Dann klick unten: