Kultürchen 6

Das diesjährige Kultürchen ist eine Fortsetzungsgeschichte, ein Schreibexperiment sozusagen. Teil 6 geschrieben hat Mirjam Staudenmann, die Illustration dazu ist von Melanie Caroline Wigger.

«Öuf Weihnachtsengel seid ihr also», äffe ich den Solothurner Weihnachtsengel nach. Das «ö» betone ich mit übertrieben geformten Lippen. Diesen Dialekt habe ich noch nie verstanden. In Le Landeron, wo ich aufwuchs, war mir das Schweizerdeutsch nicht fremd. Jedoch war es das Berndeutsch, das die Zihl vom gegenüberliegenden Ufer ins Neuenburger Städtchen trug. Den Solothurner Dialekt lernte ich erst durch Nadja kennen und in unseren Auseinandersetzungen merkte ich schnell, dass mein «voilà» ihr «ebe» ist und trotzdem nicht der einzige Grund, warum wir einander nicht verstehen.

In einem unserer ersten Streite hat mir Nadja einmal lachend die Hände entgegengestreckt und mir gesagt, wir sollten uns vertragen, schliesslich hätten sich unsere Gemeinden im 15. Jahrhundert in einem Bündnis tapfer gegen den Berner Einfluss gewehrt. Ich merke, wie mir der Gedanke einen Stich versetzt. Hier in der Kälte ist von dem Verbindenden einer Partnerstadt wahrlich nichts mehr spürbar.

«Achtung!», höre ich plötzlich eine Stimme neben mir. Der Kofmehl-Engel reisst an meinem Arm und mich aus den Gedanken. Ich weiche zurück und ein Fahrrad dem Crash mit mir aus. Ein Fahrrad? Ich muss diesem Blödmann gedankenversunken aus dem Wald gefolgt sein.

«Wo hast du mich hergebracht?», frage ich.

 

Mirjam Staudenmann ist zmitz-Bloggerin der ersten Stunde. Sie ist Primarlehrerin in Pieterlen.

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Kultürchen 5

Das diesjährige Kultürchen ist eine Fortsetzungsgeschichte, ein Schreibexperiment sozusagen. Teil 5 geschrieben hat Alexandra von Arx, die Illustration dazu ist von Melanie Caroline Wigger.

«Nicht mit mir!», ruft Nadja und erschrickt dabei. Sie schaut sich um, vergewissert sich, dass er wirklich gegangen ist, vielleicht auch, dass er noch nicht zurückgekommen ist, denn das tut er immer, zurückkommen, nach jedem Streit steht er irgendwann wieder im Flur und murmelt entschuldigende Worte, lächelt vorsichtig, berührt sie sanft. Manchmal ist auch sie es, die Reue zeigt. Dann folgt sie ihm, wenn er das Haus verlässt, überrascht ihn im Wald, wo er sich nach einem Streit jeweils herumtreibt, murmelt entschuldigende Worte, lächelt vorsichtig, berührt ihn sanft. Die Versöhnung nach einem Streit ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Heute nicht. Heute gibt es kein Amen. Keine Kirche. Nadja zerreisst die beiden Karten für das Adventskonzert. Sie hatte ihn damit überraschen wollen, hatte nur erwähnt, dass es sich um einen weihnachtlichen Anlass handle. Um einen weihnachtlichen Anlass, wiederholte er und in seinen Augen flammte etwas auf. Spott? Abneigung? Auf jeden Fall löste sein Blick etwas in ihr aus. Als hätte er auf einen Knopf gedrückt – klick – waren alle Gefühle der letzten Vorweihnachtszeit wieder da. Gefühle, die sie vergessen hatte. Gefühle, die sie vergessen geglaubt hatte. Gefühle: Harmoniebedürfnis, Erwartungen und Enttäuschungen. Und mit den Gefühlen war auch der Streit wieder da, den sie vor einem Jahr hatten und vor zwei Jahren und vor drei. Alle Jahre wieder?

«Nicht mit mir!», ruft Nadja noch einmal, als sie das Haus verlässt, kurz zum Wald schaut, dann aber in die entgegengesetzte Richtung davon stampft.

 

Alexandra von Arx schreibt seit 2016. Die Oltnerin hat 2018 den Förderpreis Literatur des Kantons Solothurn erhalten. Ausserdem gehört die Juristin zum Schweizerischen Expertenpool für zivile Friedensförderung und ist als Wahlbeobachterin tätig.

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Kultürchen 4

Das diesjährige Kultürchen ist eine Fortsetzungsgeschichte, ein Schreibexperiment sozusagen. Teil 4 geschrieben hat Kilian Ziegler, die Illustration dazu ist von Melanie Caroline Wigger.

Natürlich! Das ist Nadja, die durch die Gebüsche hetzt, um sich zu entschuldigen. War ja klar, dass sie es nicht lange aushalten würde, zu gross ihr Bedürfnis nach weihnachtlicher Harmonie. Würde mich nicht überraschen, wenn sie zur ganz grossen Geste ansetzte, mit einem Plädoyer, dass das Leben zu kurz sei für Streit, gerade in dieser Zeit.

Aber ich will ja nicht so sein, setze schon mal einen verzeihenden Gesichtsausdruck auf und mache mich bereit, ihre Entschuldigung nonchalant wegwinken.

«Nadja, schon gut! Mach dir keinen Kopf», rufe ich ins Dickicht. «Wir alle machen Fehler. Ich komme ja schon zurück.»

«Alter, das ist ja nicht zum Aushalten! Selbstgerechter geht’s nicht mehr?»

«Nadja?», frage ich, obwohl die Männerstimme schon anderes verraten hat.

«Das kann nicht dein Ernst sein», sagt die Stimme, kommt hinter einem Baum hervor und zeigt sich als komplett weissgekleideter Mittzwanziger, der aussieht, als wäre er selbst Teil der Schneelandschaft. «Alles dreht sich nur um dich, und nicht mal die banalsten Adventsfreuden magst du deinen Mitmenschen gönnen. Schwach, mein Freund, ganz schwach.»

«Geht’s noch?», entfährt es mir, «ich lasse mich doch nicht von einem Kofmehl-Kiffer wie dir anschnauzen. Ihr Jungen mit eurem Hip-Hop-Gedöns und Instagram-TikTok könnt mir gestohlen bleiben. Lass mich in Ruhe, ich habe Wichtigeres zu tun.»

Er schaut sich um und lacht. «Ja, du scheinst äusserst beschäftigt zu sein, hier im Wald. Übrigens, ich bin kein Kofmehl-Kiffer, ich bin ein Solothurner Weihnachtsengel.»

«Es gibt einen Solothurner Weihnachtsengel?», ich nerve mich sofort über die blöde Nachfrage.

«Einen? Es gibt elf! Das ist so sicher wie Jesus am und Bichsel im Kreuz.»

«Das erinnert mich an ein Bichsel Zitat…»

«Jetzt hör mal auf mit deinen Zitaten, ich hab’s schon gehört, wie du vor dich hin gebrabbelt hast, mit Dante und ‘Unabhängigkeit, die Stärke ist’, ehrlich, mein Freund, ich möchte sterben, wäre ich nicht schon tot. Aber genug des Geplänkels, ich habe was vor mit dir…»

 

Kilian Ziegler aus Olten gehört zu den erfolgreichsten Slam Poeten der Schweiz. Der Wortakrobat und Kabarettist begeistert mit unverkennbaren Wortspielen und intelligentem Humor.

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Kultürchen 3

Das diesjährige Kultürchen ist eine Fortsetzungsgeschichte, ein Schreibexperiment sozusagen. Teil 3 geschrieben hat Gianni Leardini, die Illustration dazu ist von Melanie Caroline Wigger.

Die dichten Bäume erinnern mich plötzlich an die ersten drei Verse von Dantes «Göttlicher Komödie»: «Auf halbem Wege unseres Lebens fand ich mich verirrt in einem dunklen Walde, weil ich den rechten Pfad verloren hatte.» Bin auch ich an dem Punkt angelangt, den man in der Stammtisch-Psychologie Midlife crisis nennt? Würde auch ich durch Hölle, Fegefeuer und Paradies gehen müssen, um die Erleuchtung zu erlangen? Mich schaudert es beim Gedanken an die Inschrift über Dantes Tor zur Hölle: «Lasst, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren!» Ich schüttle das ungute Gefühl ab, auf den Schauder folgt der Trotz: Das hier ist nicht Literatur, sondern Realität. Mein Problem ist aus Fleisch und Blut und hat einen Namen: Nadja!

Erwartungen und Bedingungen – die Wurzel allen Übels. Keine Erwartungen, keine Bedingungen – die Zauberformel für eine glückliche Beziehung. Ich will frei sein, unabhängig. Wer das nicht akzeptiert, soll zu Dantes Hölle fahren! So einfach ist das. Oder doch nicht?  Warum kommt mir gerade jetzt wieder dieser verdammte Spruch in den Sinn? «Die Unabhängigkeit, die meine Stärke ist, bedingt die Einsamkeit, die meine Schwäche ist.»

Weihnachten hatte den Mist nur zum Eskalieren gebracht, schon viel früher hatte sich der nahende Sturm angekündigt. Wie damals, als ich ans Meer wollte und sie in die Berge. Ich sehe noch genau das Bild vor mir, wie ich am Strand liegend den Wellen zuschaue und genüsslich an meinem Negroni nippe. Sie beschwerte sich über den Wind und den lästigen Sand überall und rieb mir schmollend ein Zitat von Kant unter die Nase: «Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.» Das hatte ich nie verstanden. Sie hätte ja nicht mitkommen müssen. Ich hätte sie nicht weniger geliebt.

Diese Gedanken haben mich nicht aufgewärmt. Ich muss mich bewegen, sonst erfriere ich hier noch – was sie mir sogar nach meinem Tod als Bestätigung meiner Sturheit unter die Nase reiben würde. Moment! Was ist sind das für komische Geräusche? Ein Mensch? Ein Tier? Wieder läuft es mir kalt den Rücken runter, diesmal nicht wegen Dante.

 

Giovanni Leardini ist zmitz-Blogger der ersten Stunde. Er ist Leiter Kommunikation im Departement für Bau, Verkehr und Umwelt des Kantons Aargau.

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Kultürchen 2

Das diesjährige Kultürchen ist eine Fortsetzungsgeschichte, ein Schreibexperiment sozusagen. Teil 2 geschrieben hat Iris Minder, die Illustration dazu ist von Melanie Caroline Wigger.

Nadja schaut seit geraumer Zeit zum Fenster hinaus. Es schneit so heftig wie seit Jahren nicht mehr. In diesem Jahr aber wird der Traum von weissen Weihnachten erfüllt. Diese Sehnsucht nach einer ganz besonderen Geborgenheit in der gemütlichen Stube, nach in Schneedecken eingepackten Häuschen, nach dem gedämpften, warmen Licht, das den Fremden lockend einlädt, nach dem Duft von Vanille, Zimt und Kardamom, nach der verheissungsvollen Stille dieser Advents- und Weihnachtszeit, nach den flackernden Kerzen auf einem nach Harz duftenden Christbaum.

Nadja lächelt bitter. Was für kitschige und unrealistische Träume das doch sind. Nichts als von der Werbung vorgegaukelter Zauber einer friedlichen Weihnachtswelt. Er hat ja schon recht, wenn er sich von Weihnachten fern hält, von dieser Zeit, in der man Friede zwischen den Menschen und komprimierte Liebe erwartet. Und dann wird es doch ein Monat mit Zwistigkeiten und Enttäuschungen. Er hat schon recht, wenn er sagt, man würde Liebe und Zeit füreinander besser übers ganze Jahr verteilen. Warum nur konnte sie ihm nicht recht geben? Warum nur musste sie einen Streit vom Zaun reissen?

Aber sie war einfach nicht bereit, dass er ihre Weihnachtssehnsucht, ihren Traum nach einer heilen Welt, wenigstens für sie beide, in den Schmutz zieht. Und was war die Folge: Streit, Tränen und Wut. Verärgert verliess er das Haus und stapfte durch den tiefen Schnee in den nahegelegenen Wald.

Warum nur wünscht sie gerade in diesem Jahr Geborgenheit, Wärme und Stille herbei?

 

Die Grechnerin Iris Minder ist unter anderem Theatertherapeutin, Regisseurin und Autorin. Sie schreibt Theaterstücke, hat aber auch schon einen Kriminalroman veröffentlicht.

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Kultürchen 1

Das diesjährige Kultürchen ist eine Fortsetzungsgeschichte, ein Schreibexperiment sozusagen. Teil 1 geschrieben hat Reto Stampfli, die Illustration dazu ist von Melanie Caroline Wigger.

Da ist einfach nur Wald. Undurchdringlicher, weisser Wald. Ich stecke bis zu den Knien im Schnee, meine Füsse sind eiskalt und feucht. Ich kenne diesen Wald nicht; ich kann mich auch nicht mehr daran erinnern, wie ich hierher gelangt bin. Eine aufsässige Stille liegt träg zwischen den schneeschweren Bäumen. Ich beobachte, wie der Schnee von den blattlosen Ästen herunterfällt. «Sibirien», flackert es durch meinen Kopf, obwohl ich noch nie im hohen Norden war und immerhin so viel weiss, dass ich mich sicher nicht in Russland befinde.

Ich stecke fest. Wie war ich bloss auf diese unmögliche Idee gekommen? Welcher Teufel hatte mich geritten? Ein unerklärlicher Anfall von Weihnachtswahn hatte mich gepackt. Eine adventliche Gefühlswallung, die ich mir, jetzt, hier im Wald, nicht mehr erklären kann. Das gerade ich in diese Falle tappen musste. Jahrelang hatte ich mich aus dieser emotionalen Berg- und Talfahrt heraushalten können, ich konnte als neutraler Beobachter in sicherer Distanz verweilen. Weihnachten, das war für mich längst nur noch eine folkloristische Begebenheit. Weihnachten, ein grossspuriger, trügerischer Begriff, mit dem man höchstens noch die Kinder beeindrucken konnte.

Doch jetzt stehe ich in diesem Wald und weiss nicht mehr weiter.

 

Reto Stampfli wohnt und wirkt in Solothurn. Er studierte Philosophie, Germanistik und Theologie und ist Lehrer an der Kantonsschule Solothurn.

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