In diesen Tagen erscheint «Annette sagt», der neuste Roman des Solothurner Schriftstellers Franco Supino. Spoilern verdirbt den Spass und ist nicht unser Ding – nur so viel: Die Lektüre ist kurzweilig, vielschichtig und anregend. Statt eines klassischen Interviews haben wir den Autoren mit Zitaten aus dem Buch konfrontiert, an denen wir beim Lesen hängengeblieben sind. Hier seine Gedanken dazu mit dem Ziel, einen Einblick in Annettes Welt zu gewähren, ohne zu viel zu verraten.
Zitat: «Wenn wir erzählen, beschreiben wir die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie sie uns vorkommt; das gilt natürlich genauso für die Literatur; sie beschreibt die Welt nicht, wie sie ist – das ist ihre Schwäche und ihre größte Stärke zugleich, indem sie zuweilen jene Räume öffnet, die diese Welt erst bewohnbar machen für die ungewisse Dauer eines Lebens. Ruth Schweikert, Tage wie Hunde.»
Franco Supino: «Dieses schöne Zitat der leider viel zu früh verstorbenen wunderbaren Autorin und Freundin Ruth Schweikert habe ich als Motto für meinen Roman gewählt. Es steckt wunderbar Raum und Geist des Textes ab.»
Zitat: «Mir geht es gut, ja, sagt Annette, unverschämt gut. Viel leicht müsste ich sogar sagen: erschreckend gut.»
Franco Supino: «Ich wollte die Leserinnen und Leser ganz am Anfang darauf vorbereiten, dass es ein Happy End gibt. Ist ungewöhnlich bei einem Roman von mir»
Zitat: «Der Vater hatte sich einen Jungen gewünscht, bei Annette, der Erstgeborenen, am sehnlichsten… also beschloss der Vater, Annette sei ein Junge.»
Franco Supino: Der Vater erzieht Annette zu Robustheit und zu Kompetitivität… (siehe nächstes Zitat)
Zitat: «Eine Frau ist ein Ding, sagt Annette.»
Franco Supino: … das man (= Mann) benutzt, muss sie als 20 jährige erleben. Die Männer sehen, sagt Annette, in einem Frauenkörper nur Formen, nie die Energie, die in ihm steckt.
Zitat: «Es sind die kleinen Dinge, die das Leben schön machen, sagt Annette.»
Franco Supino: Im Grossen und Ganzen spricht vieles gegen das Leben, im Kleinen und Momentanen liegt das Glück. Ist eine Zuckersäckchen-Weisheit, ich weiss.
«Lesen als sinnbildliche Tätigkeit der Emanzipation»
Zitat: «Mir ging es um Selbstständigkeit, sagt Annette, und darum, möglichst schnell von zu Hause wegzukommen.»
Franco Supino: Ihr bäuerisches Umfeld engt Annette ein, sie will wegkommen und glaubt an Bildung, als ihre Aufstiegs- und Ausstiegschance.
Zitat: «Und so las sie und las sie – Literatur, die ihre ehemaligen Klassenkameraden im Gymnasium zu lesen vorgesetzt bekamen, und alles, was ihr sonst in die Hände fiel: Romane, sehr gerne auch Gedichte, vor allem von Frauen.»
Franco Supino: Lesen als sinnbildliche Tätigkeit der Emanzipation. Annette glaubt daran – zumindest als sie in der Lehre ist bei der Firma Schildknecht Zäune AG.
Zitat: «Arroganz ist nicht Selbstbewusstsein, und im eigenen Saft zu schmoren, bringt dich nicht weiter.»
Franco Supino: Annette verlässt das Gymnasium, freiwillig, ein grosser Fehler, wie sie im Nachhinein feststellt. Das wäre einem Kind aus einer bildungsnahen Familie nicht geschehen.
Zitat: «Nein, ich bin kein Kommunist wie ihr, ich mag die Menschen.»
Franco Supino: Peter Bichsel hat einen Kurzauftritt im Roman (ohne dass er namentlich erwähnt wird). Einer dieser Sätze, die er so dahinsagen konnte, wenn er am selben Tisch in der Beiz sass.
Zitat: «Auch wenn im Namen der Genossenschaftsbeiz weiter der Vermerk selbstverwaltet seit 1973 steht, ist sie heute, glücklicherweise, ein Restaurant wie jedes andere.»
Franco Supino: Das Genossenschaftsbeiz wollte der Hort der gelebten Utopie sein. Dieser Spagat ist sehr anstrengend in einer Kleinstadt, deren Leitspruch lautet: «Es isch immer eso gsy».
Zitat: «Die Italiener hatten Boccia-Kugeln und Rotwein, die Alternativen Haschisch und ein Transistorradio.»
Franco Supino: Die Ausländer und die progressiven Jugendlichen bildeten in den 70er Jahren ein ungleiches Gespann, das auf gegenseitigen Missverständnissen und Idealisierungen beruhte.
«Wie kann eine Bauerntochter aus dem Gäu „Annette“ heissen?»
Zitat: «Ich war überzeugt, dass es keinen Besseren für mich gab, ich war absolut überzeugt von dieser Idee, und diese Idee, sagt Annette, bedeutete absolute Liebe, absolute Begeisterung.»
Franco Supino: Die Kurzversion: Annette ist in Concetto verliebt.
Zitat: «Ich war stolz auf meine Namensgeberin: Annette von Aretin, ausgebildete Journalistin, adliger Abstammung, über das Quiz hinaus berühmte Fernsehansagerin der ARD.»
Franco Supino: Wie kann eine Bauerntochter aus dem Gäu «Annette» heissen? Das Geheimnis um ihren Namen wird gelüftet, aber es ist nicht, wie man ihr lange glauben machen wollte, wegen der Quizsendung «Was bin ich?».
Zitat: «Vielleicht hatte Concetto recht, wenn er behauptete, alle Menschen würden sich alles selber beibringen, die Schule sei nur erfunden worden, damit die, die nichts können, wenigstens ein Diplom vorzuweisen haben.»
Franco Supino: Concetto ist 100% Autodidakt – um etwas zu lernen, braucht es keine Schulen
Zitat: «Warum waren viele dieser Kinder zufrieden und ich nicht?»
Franco Supino: Annette ist Heilpädagogin und fragt sich, was der Unterschied zwischen ihr und ihren Schülerinnen und Schülern ist.
Zitat: «Die Frage ist doch, sagt Annette, was wir von unserem Partner, unserer Partnerin erwarten. Übereinstimmung?»
Franco Supino: Annette und Concetto – ein ungleiches Paar – aber doch ein glückliches?
Zitat: «Autonom wird man nicht dadurch, dass man machen kann, was man will. Autonom wird man durch Widerstand, durch Befreiung.‹ Das haben Sie doch gesagt?« … »Was ich Sie fragen wollte, Herr Professor: Glauben Sie, dass das auch für Menschen mit einer geistigen Behinderung gilt?»
Franco Supino: Annette begegnet an der Uni einem Professor, der ihr – scheinbar? – die Augen öffnet.
Zitat: «Erinnerst du dich, Annette, an die Aussage von Blumenberg: Bildung ist nicht ein Arsenal, Bildung ist ein Horizont?»
Franco Supino: Was ist Bildung? Das, was dich für eine Reise fit macht – nicht das, was du in deinem Rucksack hast.
Zitat: «Kreuze nie die Spur deines Lebens.»
Franco Supino: Ein Sprichwort der Inuit. Es geht eigentlich um Robbenjagd.
Zitat: «Ich habe sie lange verteidigt, sagt Annette, weil ich weiß, dass Frauen schnell als arrogant etikettiert werden, wenn sie nicht kuschen, nicht zur Kumpanei neigen oder wenn sie eine gesunde Portion Ehrgeiz zeigen.»
Franco Supino: Annette kämpft gegen die Mühlen der Bildungsbürokratie. Amanda ist ihre Gegenspielerin auf dem Bildungsdepartement. Es wird eine spannende Auseinandersetzung.
Zitat: «Denkst du manchmal auch: Wenn ich zurückkönnte … Wenn ich wieder jünger wäre … Wenn ich damals mutiger gewesen wäre …« Nein, antwortete Annette, das mache sie nie. Sie würde lieber nach vorne schauen.»
Franco Supino: François! Ihr ewiger Chef… Er hat viele Schwächen, eine, nicht mal die Schlimmste, zeigt sich in dieser Szene: Sentimentalität…
Zitat: «“Warum haben sie nicht dich gefragt?“ „Weil sie lieber einen Mann, der schlecht arbeitet, wegbefördern, als eine fähige Frau Karriere machen zu lassen“, antwortete Erika verbittert.»
Franco Supino: Ich höre das von und sehe das in vielen Betrieben, Behörden, Institutionen: Warum steigen die grössten Flaschen auf und machen Karriere, während die, die wirklich etwas können, auf der Strecke bleiben?
Zitat: «Warum, sagt Annette, bleiben uns die Erschütterungen und Verletzungen mehr in Erinnerung als die schönen Momente?»
Franco Supino: Weil Glück selbstverständlich ist, während Unglück eine Ursache haben muss.
Zitat: «Heilpädagogik hat ein Mandat. Dieses Mandat ist – in Praxis und Theorie – die Frage nach dem Sein eines Menschen, den wir als behindert und in der Folge oft als hinder lich empfinden. Es ist die Frage nach unserem gemeinsamen Dasein und die Frage nach dem, was wir füreinander sein können.»
Franco Supino: Das ist ein Zitat von Emil E. Kobi, einem der wichtigsten Schweizer Heilpädagogen – seine Schriften sind eine pädagogische Denkschule.
«Nichts lügt so gut wie Geschichten.»
Zitat: «Ich hatte unterschätzt, was das Ende des Berufslebens mit einem macht, oder genauer: Ich hatte mich überschätzt, sagt Annette.»
Franco Supino: Sind wir bereit für Veränderungen im Leben? Oder meinen wir es nur?
Zitat: «In China, sagt Annette, weiß man, dass die Zukunft hinter uns liegt, wir sehen sie nicht. Was vor uns liegt, was wir sehen, ist die Vergangenheit.»
Franco Supino: Was wir erkennen, verbinden wir mit unserer Biographie, also mit der Vergangenheit. Erzählen ist der typische Vorgang, der sich daraus ergibt. Nichts lügt so gut wie Geschichten.
Zitat: «Nachholen? Man kann in unserm Alter nichts nachholen, sagt Annette, man wird höchstens von seiner Geschichte eingeholt.»
Franco Supino: Annette hat das Angebot, in eine pulsierende Grossstadt zu ziehen – sie ist skeptisch.
Zitat: «Jeder Mensch fühle sich zu etwas berufen, ganz egal, ob die Umstände es zuließen, daraus einen Beruf zu machen.»
Franco Supino: Amerikanischer Optimismus – Annette ist ziemlich überrumpelt.
Zitat: «Mein fixer Gedanke in dieser unruhigen Nacht: Harald ist ein attraktiver Millionär und ich eine verschrumpelte verarmte Rentnerin. Das geht nie im Leben zusammen.»
Franco Supino: Annette kommt sich vor wie in einer Komödie: Ich habe mir einen Millionär geangelt – will jemand wissen, wie das geht?
Zitat: «Wenn ich etwas von der Schule ins tägliche Leben gerettet habe, dann ist es der Wert der Rituale. Mut zur Routine war die Losung gewesen, um als Lehrerin zu bestehen.»
Franco Supino: Mut zur Routine – diesen Spruch habe stammt von Adolf Gut – alt Rektor des Kindergärtnerinneseminars Solothurn. Woher er ihn hat, entzieht sich meiner Kenntnis.
«Glück hingegen ist langweilig…»
Zitat: «Geld, das sind nicht die Münzen oder die Noten in unserem Portemonnaie, Geld definiert die Art und Weise, wie eine Gesellschaft funktioniert.»
Franco Supino: Ökonomie ist wie höhere Mathematik: Niemand versteht sie, aber sie funktioniert. Meistens.
Zitat: «Man sagt ja, man brauche jemanden zum Reden, wenn es einem schlecht geht, um das Schwere loszuwerden, während man im Glück nur schwebe und genieße. Das stimmt nicht, sagt Annette. Für Kummer bin ich gut gerüstet, ich erwarte nichts anderes. Aber das Glück wahrnehmen, wenn es da ist?»
Franco Supino: Es ist spannender, sich mit Schreckensszenarien auseinanderzusetzen. Die Tragödie fordert unseren Geist und unsere Tatkraft. Glück hingegen ist langweilig – deshalb sagt der Philosoph Arthur Schopenhauer, Glück sei ein negativer Zustand.
Zitat: «Und jetzt lass uns rausgehen, egal, was für Wetter ist, sagt Annette.»
Franco Supino: … zu den zweitglücklichsten Menschen auf der Erde. Sie können Annette vielleicht beibringen, wie man mit Glück lebt?
- «Annette sagt» von Franco Supino ist im Rotpunktverlag erschienen und ab dem 1. Oktober 2026 im Handel erhältlich: Rotpunktverlag | Annette sagt
- Buchvernissage von «Annette sagt» und Lesung mit Franco Supino am Dienstag, 27. Oktober 2026, um 20.00 Uhr im Bücher Lüthy in Solothurn: Buchvernissage und Gespräch mit Franco Supino – buchhaus.ch
- Webseite des Autoren: Franco Supino – Autor und Schriftsteller


Gianni ist Blogger der ersten Stunde. Er hat schon überall geschrieben und kommuniziert. Bei der Zeitung, für den ÖV, für Spitäler, fürs Vini, jetzt für die öffentliche Verwaltung im östlichen Nachbarkanton. Wieso also nicht für zmitz – wieder. Gianni trifft man immer und überall. Darum schreibt er auch über vieles. Und das durchaus auch mal mit kritischem Blick. Aber lässt sichs auch gut gehen, wenn ihm danach ist.
