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Mirjam Staudenmanns Kulturnacht-Tour

Das schwierigste an der Kulturnacht ist für zmitz-Bloggerin Mirjam Staudenmann die Planung. Oder die Frage, ob man überhaupt planen soll. In diesem Jahr hat sie geplant. Und zwar einzig nach dem Kurzbeschrieb im Programm mit einer Entscheidungszeit von 8 Minuten: Vier Anlässe in vier Stunden... Und los geht’s.

Aufgefallen:
Mir bleibt am meisten die Kunstaktion «analoge Spams» im Künstlerhaus hängen (Bild oben, Details siehe unten). Eigentlich wollte ich gar nicht dafür ins Künstlerhaus, ich habe dieses Projekt also per Zufall entdeckt. Und das ist es, was die Kulturnacht für mich ausmacht.

Umgefallen:
Storm und Störmer. Weil bisher noch nicht gesehen (was genau, siehe unten).

Abgefallen:
Keiner. Wirklich jetzt. Ich habe vier tolle Anlässe erlebt. Inspirierend. Anregend. Beflügelnd. Zum Totlachen.

...und so war Mirjams Tour:

18 Uhr: Kulturm, Valsecchi & Nater (Bild oben). Diego Valsecchi ist Walliser, Pascal Nater Winterthurer. Zusammen sind sie quasi der Durchschnittsschweizer.  Sie erzählen musikalisch-satirische Geschichten aus dem Mittelland, aus dem Mittelstand aber in ihrer Treffsicherheit nicht aus der Mittelmässigkeit. Etwa von Kuno, der eben in ein Amt gewählt worden war, sich da mit seinen Amtskollegen in die politische Arbeit stürzt, bis er sich in Arbeitsgruppen, Anträge, Beratungen und Bereinigungen verliert. Er tritt nach der Legislatur zwar wieder an, aber mit wesentlich weniger Enthusiamus. Naters Stimme und die Beobachtungsgabe der beiden sind für mich ein toller Auftakt.

19 Uhr: Buchhaus Lüthy, Simon Libsig (Bild links). Jeder Stuhl ist besetzt und zwar mit Personen jeden Alters. An keinem der vier Anlässen ist das Publikum alterstechnisch so vermischt. Vielleicht, weil Libsig auch schon bei Kinderbüchern mitgearbeitet hat, vielleicht weil er auch aus dem Poetry-Slam bekannt ist oder weil sich sein neues Buch «Leichtes Kribbeln» zwar kein Kinderbuch ist, jedoch mit Mark Morgan einen Hauptprotagonisten  im Kindesalter beschreibt. Als Einstieg betet uns Pfarrer Libsig das «Pharma-Unser» und beschreibt den Blick in den Apothekenschrank in einem Wortspiel der Medikamentennamen.  Dann folgt eine Kritik seines Lehrers an seinem Sprachfehler, dem «Reimen». Man hört ihm gerne zu. Ein Mann, der die Sprache liebt, auskostet, weiterentwickelt. Das merkt man auch den kurzen Ausschnitten aus seinem neuen Buch an. Er stellt uns die Hauptdarsteller vor und es ist, als würden sie unter uns sitzen. Der kleine Bettnässer Mark Morgan, seine sich-im-Bett-gegenseitig-den-Hintern-zuwendenden Eltern und der Kommissar, der seine Frau verloren hat. Für mich ist klar, dass ich diese Figuren besser kennen lernen will und das Buch lesen werde.

20 Uhr: Künstlerhaus, Adina Friis. Vom Buchhaus Lüthy ins Künstlerhaus sind es wenige Schritte. Deshalb bin ich früh dort und entdecke im 1. Stock das Projekt «analoge Spams» von den Schwestern Moïra und Camille Scheidegger. Ich kann mir einen Karton mit Aussagen wie «Genial! Sie besitzen Kunst» oder «Warnung! Kunst amüsiert!» auswählen und mich damit fotografieren lassen. Das Foto wird ausgedruckt und ich darf mir aus analogen, ja «richtigen» Telefonbüchern eine Adresse auswählen, an jene ich mein Bild und damit die Aufforderung, über Kunst nachzudenken, verschicke. Wieder einmal bin ich begeistert, wie das Künstlerhaus jungen Künstlern mit einzigartigen Ideen eine Plattform bietet. Auch Adiina Friis, die Sängerin und Pianistin der Band «Lummu» (finnisch für Pflaume) gefällt mir sehr. Skandinavische Klänge aus einer mystischen Welt umgeben micht tragen meine Gedanken fort: Ein kaltes, rauhes Meer, ein dichter, dunkelgrüner Wald im Nebel. Was war da? Ein Hase? Oder doch eine Figur aus einem nordischen Märchen?

21 Uhr: Storm und Störmer, Theater Biel Solothurn. Also eigentlich heute nur Störmer. Denn Cathrin Störmer ist ohne ihren Bühnenkollegen Andreas Storm da. Dieser liegt krank im Bett und liest wahrscheinlich Bücher. Denn das tun die beiden oft. Und während andere aus ihren eigenen Büchern vorlesen, lesen Storm und Störmer aus anderen Büchern vor. Tollen, einzigartigen Büchern. Zum Beispiel aus «Wie angeln Sie sich einen Millionär?», einem Ratgeber mit vielen tollen Tipps wie «Benutzen Sie teuren Lippenstift, ein Millionär wird ihn erkennen, denn er ist damit aufgewachsen.» Oder die Biografien von Diego Maradona und Klaus Kinskis. Maradona erklärt seinen Leserinnen wortreich wieso man je nach dem wo man grad ist zu einer anderen Zeit den Geburtstag feiert (ahhaaaa, Zeitverschiebung) und was dies emotional mit ihm macht. Kinski scheint deshalb so viele Seiten füllen zu können, weil er den Geschlechtsakt ungeheuer verständlich erklärt. Es ist zum totlachen was Frau Störmer da bietet: Die hohe Kunst des Vorlesens.

Innerhalb acht Minuten hatte ich mich für mein Kulturnacht-Programm entschieden. Mein Fazit: Ich werde Storm und Störmer sowie Valsecchi & Nater weiter verfolgen und von beiden ein Programm besuchen und ich werde Simon Libsigs Buch lesen. Genau das mag ich an der Kulturnacht, das «Nase reinstecken» und glustig werden.

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