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Familien-Duell

Amanz Gressly war ein Ahne von zmitz-Blogger Fabian Gressly. In der Familie war der Geologe als kauziger Eigenbrötler bekannt. Amanz Gressly war aber auch Forscher und als solcher Mitte des 19. Jahrhunderts nicht unbedeutend – musste Fabian Gressly am Vortrag im Naturmuseum Solothurn erfahren.

Unser eigenartiger Amanz

Fabian Gressly

Der verkannte Geologe

Fabian Gressly

Ich denke, jede Familie hat ihren komischen Kautz. Bei uns war das Amanz. Die Geschichten rund um meinen schrulligen Ur-ur-Grossonkel waren bei uns immer mal wieder ein Gesprächsthema. Davon, dass er immer mal wieder verwahrlost bei seinem Bruder auftauchte, nach tagelangem Suchen von Gestein und Forschen in den Vorzeiten der Geologie, und sich von ihm aufpäppeln liess. Davon, dass er bei einem Regenschauer auch mal gern seine Kleider auszog und sich auf sie setzte, nur damit sie nicht nass werden.

Aus dem Medizinstudium des jungen Amanz wurde nichts, es vermochte ihn nicht zu halten. Stattdessen wurde er autodidaktisch – und das ist vermutlich nicht so schlecht, bedenkt man, dass das 200 Jahre her ist – zum Geologen. Im Sommer sammelte er Gestein und Fossilien, tagelang, jahrein, jahraus. Kontakt zu Mitmenschen – oder jenen, die seiner Familie würdig gewesen wären – pflegte er nicht. Im Gegenteil, sie war ihm zuwider.

Er muss durchaus brillant gewesen sein. Denn viele spätere Erkenntnisse der Geologie bestätigten die Vermutungen meines Vorfahren, obwohl er die meist nur vom Jura aus traf. Denn er war kaum auf Reisen. Nur zwei Mal habe er es ans Mittelmeer geschafft, wo er Muscheln und Versteinerungen sammelte und mit Funden aus unserer Region verglich. So konnte er die Jurafaltung und das Jura-Meer belegen. Das weiss ich. Doch den wissenschaftlichen Anblick auf diesen Umstand wollte sich mir nie erschliessen. Amanz war halt einfach der kauzige Vorfahre. Das änderte sich vor vier Jahren, als wir beim Räumen des Estrichs im Haus unserer Grosseltern ein Schubladengestell fanden, in welchem sich einige dieser Funde feinsäuberlich geordnet und angeschrieben, befanden. Das Möbel – natürlich samt Inhalt – ist nun im Besitz des Naturmuseums. Und es änderte sich, als ich mal wieder in Bärschwil war, wo Amanz geboren und noch immer omnipräsent ist.

Er war ein ziemlich ungepflegter, zerzauster Herr, in lumpigen Klamotten, verdreckt und staubig von endlosen Herumstreifen, Kriechen und Klettern im Gestein. Getoppt wurde dieses Wesen des Sonderlings natürlich von der ironischen Inschrift auf seinem Grabstein auf dem Friedhof St. Niklaus, die er – wenn nicht selbst erfunden – doch auf sich adaptiert hat:

Gresslius interiit lapidum consumptus amore, undique collectis non fuit hausta fames. Ponimus hoc saxum. Mehercle! totus opertus Gresslius hoc saxo, nunc satiatus erit.

Übersetzt: Hier liegt Gressly, der starb an seltsamer Lieb' zu den Steinen; die er gesammelt zu Haus, stillten den Hunger ihm nicht. Setzen wir diesen Stein. Vom Stein, straf' Gott mich, bedeckt ganz, ruhend zwischen Gestein, hat er nun Steine genug.

Aber bei all den Anekdoten und des komischen Bilds von Amanz, so war da auch immer irgendwo Respekt. Denn Amanz Gressly, Entdecker der Jura-Zeit und eines Dinosauriers, der seinen Namen trägt, war ein Pionier. Und ein bisschen Kauzigkeit muss ja nichts schlechtes sein…

Dass man dem Referenten am Montagabend im Naturmuseum gern auch in einem anderen Thema zugehört hätte, sei mal einfach im Voraus platziert, damit es nicht vergessen geht. Denn Hannes Hänggi, selbst auch Schwarzbub wie Amanz Gressly (1814 – 1865), arbeitet als Projektleiter «Stilllegung von Kernanlagen» beim Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat. Ins Naturmuseum zur Naturforschenden Gesellschaft von Solothurn war er aber wegen Amanz Gressly gekommen, der vor etwas mehr als 200 Jahren geboren wurde und vor 150 Jahren starb; verwirrt, nervlich stark angeschlagen in der Klinik Waldau bei Bern.

Dass der Geologe aber weit mehr war als ein komischer Kauz – auch wenn er als solcher vornehmlich in Erinnerung ist –, vermochte Hänggi in der guten Stunde seines Referats auch für Nicht-Geologen und -Naturforscher nachvollziehbar darzulegen. Gressly dürfe man gern in die Kette eines Alexander von Humboldt oder Charles Darwin, deren Zeitgenosse der Bärschwiler war, einordnen. Nur alleine durch Wanderungen durch den Jura, durch Sammeln von Gestein und Versteinerungen hatte es Gressly fertig gebracht, wichtige Erkenntnisse über die Geologie und die Jurafaltung zu gewinnen. Dass man heute nicht mehr viel über das Schaffen des autodidaktischen Wissenschaftlers weiss, liegt daran, dass Amanz Gressly kaum etwas publizierte. Sein wichtigstes Werk, «Observations géologiques sur le Jura Soleurois», erschien zwischen 1838 und 1841. Geschrieben in Neuenburg, wo Gressly während mehrerer Jahre als Mitarbeiter von Louis Agassiz, dem sehr renommierten Glaziologen, wirkte.

Zwischen diesem Agassiz und Gressly muss aber auch etwas im Argen gelegen haben. Hat Agassiz Gresslys Arbeit unterhölt? Hat ersterer letzteren trotz Versprechungen nicht mit in die USA genommen? Hat Agassiz gar Gresslys wertvolle Gesteinssammlung gestohlen? Man weiss es nicht. Denn Gressly sprach oder schrieb kaum darüber. Agassiz Abreise 1846 liess jedenfalls einen verbitterten Gressly zurück.

Nichtsdestotrotz forschte er weiter. In den 1850er-Jahren verfasste Gressly die ersten geologischen Studien, die vor dem Eisenbahntunnel-Bau in Auftrag gegeben wurden. Man stelle sich vor: Amanz Gressly als Vorreiter einer Tätigkeit, ohne die ein Neat-Basistunnel nicht vorstellbar wäre. Das von Gressly erstellte Profil für den Bau des ersten Hauensteintunnels wurde wegen seiner Detailgetreue und Genauigkeit sehr bekannt. In dieser Zeit lernte der damals gut 40-Jährige auch nebenbei mal eben schnell Englisch, denn er arbeitet mit einer britischen Tunnelbaufirma zusammen. Schon davor lernte er in Neuenburg Französisch, als Kind Latein und in späten Jahren noch Spanisch.

Gereist ist Gressly, im Gegensatz zu anderen Forschern seiner Zeit, kaum. Er hielt sich 1859 drei Monate lang in Sète am Mittelmeer auf. Im Jahr darauf nochmals in La Spezia, wo er Gestein sammelte und mit Jura-Funden verglich. 1861 gings auf einer grossen Reise ans Nordkap – über Trondheim, die Lofoten und Island.

Als er zurückkehrte, starb sein Vater. Seither wurde er in der Waldau betreut. 1865 starb er dort an den Folgen eines Schlaganfalls.

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