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Süchtig nach Theater

Am vergangenen Wochenende ist Mario Bettoli verstorben. Der Theaterliebhaber hat viele Jahre lang das Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS) geprägt. Paul Suter, langjähriger Freund und Weggefährte Bettolis und Regisseur am TOBS, widmet ihm einen Nachruf.

«Es existiert eine kleine schwarz-weiss Fotografie von Mario Bettoli, auf welcher man sofort erkennen kann, wie sehr er für die Welt der Bühne lebte. Auf dem Bild sieht man ihn während einer Vorstellung auf der dunklen Seitenbühne stehen, sein Blick folgt gespannt den Vorgängen auf der Bühne. Wahrscheinlich hätte er an diesem bestimmten Tag schon längst Feierabend gehabt, wollte jedoch, ja konnte das Theater nicht verlassen, ohne noch einen Moment in die Abendvorstellung einzutauchen. Feierabend war allerdings ein Wort, das für Mario keinerlei Bedeutung hatte. Feierabend…, wie lächerlich dieses Wort zu benutzen im Zusammenhang mit einer Persönlichkeit wie Bettoli, die für das Theater gelebt hat, leidenschaftlich gelebt, ja, vielmehr: gelodert! Er konnte vom Theater nicht genug kriegen. Schauspiel, Oper, Ballett, Operette, Konzert – das waren für ihn Lebenselixiere, danach war er süchtig. Er war beinahe das Pendant zum rasenden Reporter Egon Erwin Kisch – Mario Bettoli der rasende Besucher von Kulturveranstaltungen. Wenn es ihm seine Biel-Solothurner Theaterverpflichtungen erlaubten, eilte er am Samstag zu einer Première nach Basel, tauchte dann am Sonntagnachmittag bei einer Ballettvorstellung im Opernhaus Zürich auf und beschloss den Abend im Stadttheater St. Gallen! Seine Leidenschaft galt aber nicht nur den Vorstellungen, Inszenierungen, Veranstaltungen – seine Liebe flammte auch für die Darsteller, Sänger, Tänzer, Musiker – er achtete, liebte, verehrte sie alle. Nicht kritiklos, keineswegs, aber immer mit grenzenloser Zuneigung und grosszügigem Verständnis für deren Probleme und Schwächen. Im Verlauf seiner jahrzehntelangen Tätigkeit am Städtebundtheater in seinen verschiedenen Formen und Gestalten hatte sich Mario Bettoli ein enormes Fachwissen erworben. Er wurde so nicht nur zum wirklich genialen Theaterstrategen – der absolut virtuos mit Daten, Fristen, Absenzen, Besetzungen, Engpässen, Notfällen jonglieren konnte – sondern auch zu einer verständnisvollen Vater-Mutter-Figur, die sich mit grosser Anteilnahme um die beruflichen und privaten Sorgen ihrer ‹Kinder› kümmerte. Er, der Autodidakt, wurde zu einer Instanz, deren Ratschläge von Dirigenten, Regisseuren, Sängerinnen – und natürlich auch von Direktoren gehört und häufig auch befolgt wurden.

Mario Bettoli sprühte vor Energie, liebte das Leben, genoss es in all seinen Facetten. Seine funkelnden Augen, sein wunderbares Lachen, seine herrliche Vorliebe, sich ziemlich farbig und lebensfroh zu kleiden, seine Freude an kulinarischen Genüssen, ja selbst seine hin und wieder ausbrechenden vulkanischen Zorneruptionen waren schlicht wunderbar! Wie sehr wünschte man diesem liebenswerten Menschen, dass sein Leben länger gedauert hätte. Er wollte doch noch diesen Ballettabend, jene Operettenvorstellung und vor allem zum Liederabend mit der Dings, der herrlichen Sopranistin….oder dem andern… dem… wunderbaren Tenor… ach… es sollte nicht sein! Eine geradezu teuflische Krankheit hat dies verhindert. Mario Bettoli liess sich nicht entmutigen. Er unternahm Reisen, flog auf die Kanarischen Inseln, genoss das Meer, die Sonne. Er wollte nicht aufgeben, kämpfte mit seiner unerschöpflichen Lebenslust, seinem Lachen, seiner Liebe zur Kunst dagegen an! Bis zuletzt. Am vergangenen Samstagmorgen ist er für immer eingeschlafen, abgereist könnte man sagen. Wie wunderbar wäre es, wenn er am fernen Zielbahnhof bereits erwartet würde, vielleicht von Maria Callas, die ihn am Arm von Giuseppe Verdi liebenswürdig empfängt!?»

Wenige Sätze über ein reiches Leben
1946 in Solothurn geboren absolvierte Mario Bettoli zunächst eine kaufmännische Lehre beim Warenhaus Nordmann, bevor er sich seiner lebenslangen Leidenschaft, dem Theater, zuwendete. Nach kurzer beruflicher Tätigkeit im Lehrbetrieb und bei von Roll in Gerlafingen, war er seit 1970 fast ohne Unterbruch am damaligen Städtebundtheater und späteren Theater Biel Solothurn beschäftigt. Bettolis Laufbahn begann als Hilfskraft im künstlerischen Betriebsbüro und führte über Stationen wie Sekretär für Konzert und Musiktheater hin zur Anstellung als Chefdisponent und Künstlerischer Betriebsdirektor. Während über vierzig Jahren war Mario Bettoli eine konstante Kraft und die gute Seele des Theaterbetriebes in Biel und Solothurn. 2013, zwei Jahre nach Erreichen des Rentenalters, ging Bettoli in Pension. Auch nach dem Eintreten in den Ruhestand blieb er seinem Theater eng verbunden, besuchte unzählige Vorstellungen und nahm regen Anteil an den Geschehnissen vor und hinter den Kulissen. Noch Ende Januar 2015 wohnte er der Wiedereröffnung des Stadttheaters Solothurn bei.

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