zmitz-Blogger Giovanni Leardini hat das Konzert von Edoardo Bennato in der Kulturfabrik Kofmehl in Solothurn besucht – und dabei ein Backflash der besonderen Art erlebt.

#gruftisuntersich war einer der Hashtags unter meinem Instapost während des Konzerts. Ich darf das schreiben, bin schliesslich selber nicht mehr ganz taufrisch. Die meisten Leute am Konzert von Edoardo Bennato in der gut gefüllten Kofmehl-Halle waren tatsächlich mittelalterliche Gruftis – wie ich schon näher beim Pensionsalter, als beim Schulabschluss. Gefühlt waren das so 50 Prozent Schweizer*innen und 50 Prozent Secondos. Alle gut gelaunt trotz latentem Coronafrust und vereint durch die Nostalgie nach der guten alten Zeit, als die Probleme nicht kleiner waren, aber irgendwie doch weniger deprimierend. Und natürlich nach der Musik unserer Jugend, als die Lieder noch länger dauerten als ein Ristretto und die männlichen Exemplare unter uns noch Haare hatten.

An die Zeit vor dem Millenium Bug erinnerte auch die teilweise etwas handgestrickte Dia- und Videoprojektion hinter der Bühne. Aber egal, wir waren ja gekommen, um gute Musik zu hören – und da hat uns der Altmeister aus dem Arbeiterviertel Bagnoli in Neapel nicht enttäuscht. Zuerst allein auf der Bühne, ein paar Klassiker mit Gitarre, Kazoo und natürlich seiner legendären Mundharmonika. Danach wurde es zeitlos rockig, die Jungs auf der Bühne haben so richtig Gas gegeben. Der Mix aus Evergreens und neueren Stücken ist sehr gut gelungen, das Publikum voll auf seine Kosten gekommen. Sogar Leute wie ich, die Bennatos Musik eigentlich gar nicht so mögen. Seine Band ist nämlich schlicht fantastisch, und am besten wurde es am Konzert für mich immer dann, wenn Bennato nicht im Mittelpunkt stand, sondern seine Musiker. Allen voran Gennaro Porcelli und Giuseppe Scarpato mit unfassbaren Gitarrensolos, von denen man sich wünschte, dass sie nie aufhören.

Zum Glück waren auch Bennatos Monologe zwischen den Stücken nicht allzu lang – warum müssen Musiker auch immer philosophieren über Gott und die Welt? Vor allem bei den Cantautori habe ich das nie verstanden: Die Texte der Liedermacher sind doch schon Poesie und Philosophie genug? So zum Beispiel die Worte von «A Napoli 55 è ‘a Musica», das – wie Bennato selber sagt – sein ganzes Leben beinhaltet. Oder das wunderschöne «Quando sarai grande», das übrigens auch im ersten Roman des Solothurner Schriftstellers Franco Supino erwähnt ist – ein Buch über die italienischen Jugendlichen der zweiten Generation; also genau jene Secondos, die am Konzert von Edoardo Bennato zu ihren Wurzeln zurückgekehrt sind und in alten Erinnerungen geschwelgt haben. Franco habe ich auch am Konzert auch entdeckt – der Kreis hat sich geschlossen, mindestens während den unvergesslichen anderthalb Stunden im Kofmehl.