Unversehens wurde aus dem vermeintlichen «Beifang» des ersten Museumsbesuchs nach Wochen die eigentliche Beute. Die Vielschichtigkeit, mit der Claudio Moser in seiner Ausstellung im Kunstmuseum zu sehen ist, kann nicht anders als einen in den Bann ziehen.

Man scheint sich nicht ganz einig zu sein, wo Claudio Moser mit seiner Arbeit zu verorten ist. In der Westschweiz hat man den Aargauer offenbar in erster Linie als plastischen Kunstschaffenden auf der Liste (sagt mir jedenfalls ein Querlesen der entsprechenden Medien), während er «bei uns» als Fotograf uns Maler betrachtet wird. Zudem arbeitet er auch mit Video. Was Moser nun aber eigentlich genau ist, spielt auch keine Rolle. Bzw.: Er ist eben all das. Und das ist, wie die aktuelle Ausstellung «Gegen Osten» im Kunstmuseum Solothurn zeigt, enorm spannend. Der 62-Jährige ist kein unbeschriebenes Blatt. Er zählt zu den bedeutendsten Künstlern seiner Generation hat mehrfach eidgenössische Kunststipendien erhalten und einige beachtete Ausstellungen umgesetzt.

Im Parterre des Kunstmuseums nimmt uns Moser mit auf eine Reise durch Farben und Formen, durch Medien und Eindrücke – im zweidimensionalen Raum sowie im dreidimensionalen. Dabei haben die einen Arbeiten – die Malereien – scheinbar nichts mit den grossformatigen Fotografien zu tun, die Skulpturen nichts mit den zweidimensionalen Werken. Die Fotos überzeugen gerade wegen ihres grossen Formats, führen den Blick des Betrachters durch die Wand, als würde er aus einem Fenster blicken. Teils surreale Motive, oft auch mit einer fremdartigen Struktur – etwa, wenn er eine Stadtansicht durch ein Baugerüst, einen Maschendrahtzaun oder den «scherbigen» Rand einer zerborstenen Vitrine fotografiert. Surreal aber auch, wenn in kleineren Schwarzweiss-Formaten das fotografierte Dreidimensionale zum Plakativ-Gestalteten wird. Geradezu verspielt leicht stehen dem die Malereien mit kräftigen Farben und einfachen Linien gegenüber, die zuweilen in einen Dialog mit den ebenso leichten, den Raum aber dominierenden Skulpturen treten. Und immer wieder treffen Natur auf Menschgeschaffenes aufeinander – besonders im bewegten Bild.

Die Ausstellung des Aargauers wäre bei meinem Besuch im Kunstmuseum nach drei langen Monaten des Ausgeschlossenseins eigentlich jene gewesen, die ich neben den beiden anderen einfach noch «en passant mitgenommen» hätte, aber im Nachhinein stellt sie sich als jene mit dem längsten Echo, dem grössten Nachhall hinaus. Unbedingt hingehen und sich in diese Welten entführen lassen!

Denn gekommen war ich eigentlich wegen Otto Morach (das mag, wer meinen Bericht zur Wiedereröffnung der Museen oder den zmitz-Newsletter gelesen hat, nicht überraschen). Im Graphischen Kabinett im Untergeschoss sind Arbeiten von ihm, von Fritz Cäsar Baumann und Johanna Fülscher ausgestellt. Erstere beide waren gute Freunde, die mit Fülscher gemeinsam die Basler Künstlergruppe «Das neue Leben» bildeten. Ich hätte mich auf die farbgewaltigen Arbeiten des Solothurners Morach gefreut (einige davon sind in der Sammlung online zu sehen), dominiert wird die Ausstellung jedoch von Holzschnitten, einer künstlerischen Form, die Baumann und Morach beiderseits pflegten. (Ich selbst habe ja seit meinem missglückten Lino-Schnitt in der 5. Klasse Zugangsschwierigkeiten zu Schnitten.) Die «Komposition mit Krug» sah ich etwa später dann immerhin in der Sammlung im oberen Stock. Zwei Werke mit ein und demselben Motiv hatten es mir aber angetan: Die St. Josefsgasse. Einerseits als intensive Ölfassung, andererseits als Kohlezeichnung. Und der Whatsapp-Chat zwischen Morach und Fülscher natürlich. Also nein, nicht wirklich Whatsapp – natürlich, eigentlich ist es ein langer Postkartenwechsel. Aber farbig, geistreich, witzig und inspirierend. Halt genau das, weshalb man ins Museum geht.

Ach so: Die dritte Ausstellung über Kunst der Zweit-Weltkriegs-Jahre muss ich mir ein anderes Mal nochmals anschauen. Claudio Moser hatte meine Aufmerksamkeit dermassen beansprucht, dass ich nicht mehr sehr empfänglich für diese Werkschau war.

Die Ausstellung von Claudio Moser läuft noch bis 24. Mai (so die Fallzahlen wollen), jene von Morach & Co. ebenfalls. Jene zur Kunst von 1939 – 1945 bis 15. August. Details auf der Website des Kunstmuseums.