Zu ihrem 56. Mal machten sich die Solothurner Filmtage zum Heimkino-Erlebnis. Das hat sein Schlechtes, aber auch sein Gutes. Wie das im Einzelnen aussieht, sagt euch zmitz-Blogger Fabian Gressly.

Am Mittwoch letzter Woche fand der Auftakt zu den 56. Solothurner Filmtagen statt. Und ich denke, das waren meine vielleicht 40. Filmtage; ich habe sie quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Ich habe die Höhen mitgemacht, als ich als Studi über 40 Stunden vor der Leinwand verbrachte. Und ich habe als Journi über die Tiefen berichtet – und war persönlich auch tief getroffen –, als man uns vor lauter Erfolg «unsere» montägliche Filmtage-Eröffnung wegnahm und ein kompliziertes Ticketing-System einführte. Dazwischen gibts viele Grautöne, mehrheitlich wegen des nasskalten Schneeregenwetters, das uns in jener Woche jeweils irgendeinmal beschert wurde. Doch was an diesem 20. Januar 2021, abends um 20.10 Uhr, begann, war noch nie dagewesen: pandemiebedingte Home Edition der Schweizer Film-Werkschau. Alles zu Hause. Beizen zu. Getümmel auf den Gassen: Fehlanzeige… Rückblick auf eine Woche und wie sie sich angefühlt hat:

Das Schlechte an der Home Edition

  • Die fehlende Filmtage-Meute: Klar, ich hab mich damals genervt, als im Foyer der Kinos, von Reithalle, Säulenhalle und Konzertsaal nur noch Zürcher zu hören waren. Wenn unsere Filmtage von den anderen entdeckt und annektiert wurden. Wenn man sich früh auf den Weg machen musste. Doch dieses bedeutungsvolle Leben in Solothurn – wenigstens einmal im Jahr – war und ist eben auch toll. Auch das gehört zum Filmtage-Erlebnis und hat heuer gefehlt. Aber gut, wir wollen den Anlass ja nicht zum Superspreader-Event verkommen lassen…
  • Die Technik war bizzi schwierig, jedenfalls für unsereiner «digital immigrant». Ich schau Filme nicht gern am Compi-Bildschirm, also versuche ich mit allen Mitteln, das Bild irgendwie auf das Fernsehgerät zu kriegen. Das hat beim ersten Film gehörig an den Nerven gezerrt und ich weiss von Leuten im Umfeld, die darob kapitulierten. Zuerst über Smartphone und Airplay, dann über Anschliessen des Notebooks an den Fernseher und zwischenzeitlich auch direkt über den Internetzugang der Flimmerkiste. Bewährt hat sich dann letztlich erstere Variante, auch wenn es ein «Geknübel» war, bis man die richtigen Einstellungen – z.B. die Untertitel – hatte.
  • Die Filmtage-Würde: Es hat etwas Zelebrierendes, wenn man ansteht (jaja, oben hab ich noch gemotzt, ich weiss…), sein Ticket bzw. seine Wochenkarte jemandem beim Eingang entgegen streckt, den oder die man kennt, sich im Sitz niederlässt, links und rechts grüsst und dann gespannt in den Film eintaucht. Man ist voll und ganz dabei. Zu Hause war das weniger so. Egal, wie sehr man diese Stimmung zu erzeugen versuchte. Es war eben doch ein bisschen wie Netflixen.
  • Die Infos zu den Filmen: Irgendwie konnte ich mich heuer weniger gut mit den gezeigten Filmen auseinandersetzen und mich vorab informieren. Ich kam nicht zu jenen Informationen, anhand derer ich in vergangenen Jahren entschied, ob ich einen Film sehen wollte oder nicht. Aber ja: Vielleicht ist das – ebenso wie die physische Papierschlacht mit Programmheft und Dokumentation – eine Gewöhnungssache.

 

Das Gute an der Home Edition

  • Die angenehme Sitzposition: Ich messe 1.88 und stehe in den engen Rängen von Reithalle und Landhaus immer vor der gleichen Frage: Wohin mit meinen Knien? Für den Vordermann bzw. die -frau ist es nicht angenehm, wenn er oder sie meine Beine im Rücken spürt. Und auf den harten Holzstühlen gingen mir nach einer halben Stunde die Ideen aus, wie ich noch bequem und schmerzfrei sitzen könnte. Nun aber konnte ich mich gemütlich zu Hauses auf dem Sofa oder Sessel einrichten, mich frei bewegen, strecken…
  • Schauen, wenn man Zeit hat: Es hat sich ergeben, dass ich die Filme nicht an jenem Tag, an dem sie aufgeschaltet wurden, geschaut habe, sondern immer um einen Tag versetzt. Das ging, weil die Filme 72 Stunden verfügbar waren. So werde ich auch heute Abend, zwei Tage nach Ende des Festivals, den letzten Film sehen. Und auch sonst: Zwei Mal hatte ich abends noch eine Sitzung, die mir den «regulären» Besuch um 20.30 Uhr oder 21 Uhr verunmöglicht hätten. So aber habe ich mich einfach nach Ende der Besprechungen vor den Fernseher gesetzt – komplett stressfrei. Das hat auch dazu geführt, dass ich mehr Filme sehen konnte als unter normalen Bedingungen.
  • Die Reichweite: Die Filmtage-Eröffnung wurde von der SRG in alle Sprachregionen übertragen. So haben «unsere» Filmtage endlich mal eine Reichweite, die sie verdient haben. Alle konnten sich ein Stück nehmen und mitschauen. Auf SRF haben die Eröffnung selbst, als Monika Schärer Filmtage-Direktorin Anita Hugi ein paar Fragen stellte und Bundespräsident Guy Parmelin ein paar (zuweilen unbeholfene) Worte an die Audienz richtete, 60‘000 gesehen, den Eröffnungsfilm «Atlas» 95‘000.
  • Neu erreichtes Zielpublikum: Ist es Netflix und Co und der damit vorhandenen Vertrautheit zu verdanken? Der grösseren Reichweite? Schwer zu sagen, aber offenbar hat die Home Edition der Filmtage mehr junge Leute erreicht, wie Anita Hugi bilanzierend feststellte. Auch sonst kann sich die Zahl der verkauften Tickets sehen lassen: rund 25‘000 waren es. Eine normale Filmtagewoche bringt so gut 60‘000 Eintritte.

 

Das Fazit: Vier positive und vier negative Punkte…. Auch wenn es hüben und drüben bestimmt mehr gäbe (oder auch weniger), so spiegelt das meinen Gesamteindruck ziemlich wider. Die Filmtage als Event haben gefehlt, das ist keine Frage. Aber wieso künftig nicht «sowohl als auch»? So könnte ich Filme nachschauen, auch wenn die Programmation mir den Saalbesuch nicht ermöglicht. Das wäre ein Feature, das man Filmtage-Mitgliedern bieten könnte. So wüsste ich auch, wieso ich so viel zahle bzw. dass ich für den Preis eine Annehmlichkeit kriege, die andere nicht haben.

Nachtrag, die Filmkritik, was bei 9 von 211 Filmen natürlich noch weniger als unrepräsentativ ist: Dass ich eher ein unglückliches Händchen bei der Wahl der Filme hatte, liegt nicht an der Austragungsform. Allenfalls an der nicht gleichen Infobeschaffung. Ich bin ein grosser Freund des dokumentarischen Filmschaffens. Das kann die Schweiz! Spielfilme waren lange eher schwierig. Doch die Tendenz zu Features in Dokumentarfilmen, in komplex geschnittenen, mehrschichtig erzählten Strängen ohne jegliche «Zuschauerführung» mit Kommentaren oder Off-Sprechern, ohne entsprechende einführende Elemente, finde ich ziemlich schwierig. Das ging mir bei «Das neue Evangelium», «Il mio corpo» und «Kombinat» so. «Lovecut» würde ich einfach als missglückte Wahl meinerseits abbuchen – kommt bei jeden Filmtagen vor, gehört dazu und ist nicht weiter tragisch. «Beyto» aber war spannend, ebenso «Heidi en Chine» und «Die Pazifistin» – unzählige Male bin ich durch die Gertrud-Woker-Strasse hinter der Uni in Bern spaziert, ohne mich zu fragen, wer das ist. Heute wartet noch « La Gyranthera», bin gespannt…