Bloggerin Lucilia Mendes von Däniken hats den Hut gelupft. Was der Auslöser war – und welche Gedanken dies ausgelöst hat, könnt ihr hier lesen.

Christoph Darbellay, der Walliser Regierungspräsident und Ex-CVP-Schweiz-Chef schaffte es dieser Tage: Mir ging die Galle hoch. Er verkündete, dass Dinge wie Kino- und Theaterbesuche zwar schön, aber «nicht unerlässlich» seien. Unerlässlich hingegen findet er die Skisaison.

«Kultur ist nur Freizeit» – ein Argument, das dieser Tage immer wieder zu hören ist. Oder als Begründung hinhalten muss, weshalb man aktuell auf Theater, Konzerte, auf Lesungen, Ausstellungen, Museumsbesuche usw. verzichten soll. Zum Schutze der Mehrheit.

Kultur ist Freizeit? Jä.., wo beginnt Kultur und wo hört sie auf? Wie wäre es, wenn wir die Resultate von Kultur mal eine Woche lang aus dem Alltag verbannen würde. Keine Musik, keine Filme – Bilder, Skulpturen, Bücher verschwinden. Kulturinstitutionen machen komplett dicht und arbeiten nicht im Hintergrund weiter. Musikunterricht ist gestrichen. Das Blasorchester geht in den Winterschlaf. Die Tanzschülerinnen üben höchstens noch zu Hause vor dem Spiegel. Schulen für Gestaltung? Schliessen!

Kultur ist Freizeit. Merkst du schon was? Abends läuft im TV kein Spielfilm mehr. Im Radio wird nur noch diskutiert, keine Musik mehr gespielt. Bücherläden, Bibliotheken bleiben zu. Wände in öffentlichen Räumen bleiben leer – Kreiselschmuck und Kunst im öffentlichen Raum verschwindet. Die Muse geht flöten. Die Lust ein Instrument zu spielen verschwindet. Für wen, weshalb, wofür?

Kultur ist Freizeit. Zurück zu Darbellay. Was wenn wir überlegen, was denn alles Freizeit – und wohl somit auch unerlässlich sein könnte: Weg mit Sportvereinen, Lismergrüppli und Pfadi! Wir schliessen SAC-Hütten, Sportzentren und Indoor-Spielplätze.

Kultur ist Freizeit. Für viele mag das stimmen. Doch ist das Grund genug, alles an die Wand zu fahren? Verschwindet dann nicht das, was viele brauchen, um zu dem Alltags-Hamsterrad einen Ausgleich zu finden. Der Motor für Viele, das Heilmittel in schwierigen Zeiten, der Ort, wo man abschalten kann?

Kultur ist Freizeit? Kultur ist Arbeit! Überleg mal ganz genau: Für wie viele Menschen aus deinem persönlichen Umfeld ist Kultur nicht Freizeit, sondern Arbeit? Und damit meine ich nicht nur die Künstlerin, den Gitarristen, den Autor, die Schauspielerin oder die Museumspädagogin. Sondern ich denke auch an den Tontechniker, den Food-Truck-Betreiber und Weinlieferanten, die Putzfrau im Museum, die Kioskbetreuerin im Kino, an den KV-Stift im Kulturunternehmen, den Beleuchter, den Gerüstebauer, der von der Openair-Saison lebt. Ich denke an die Druckereien, die Kinoplakate drucken, an die Vorverkaufsstellen für Veranstaltungen. Ein Rattenschwanz, der von «Kultur ist Freizeit» lebt.

Kultur ist Freizeit. Ich befürchte, dass dieser Grundgedanke sich durchsetzen – und zu einem weiteren kulturellen Lockdown führen wird. Darum lohnt es sich, wieder oldschool und regional zu denken: hört und kauft Musik von Solothurner Bands, streamt Filme nicht auf Netflix, sondern auf der Webseite der Solothurner Kinos – oder geht direkt ins Kino (so lange man noch darf!). Bestellt Bücher von Solothurner Autoren. Verschenkt zu Weihnachten Gutscheine von Kulturinstitutionen. Oder leistet euch ein Bild gemalt von einem Künstler aus eurer Region.

Und bringt doch dem Nachbarn, für den Kultur eben Arbeit ist, einen selbstgebackenen Kuchen oder eine Flasche Wein. Eventuell packt er dann abends seine Gitarre aus und erfreut dich wieder mal mit einem Balkonkonzert – oder schreibt dir eine nette Karte, die mehr als nur Floskeln, sondern vielleicht sogar ein für dich geschriebenes Gedicht enthält. Glaubst du nicht, dass du dann für einen kurzen Moment gerne den Alltag hinter dir lässt – um dich voll auf Kultur in deiner Freizeit einzulassen und diese als «unerlässlich» wahrzunehmen?

Ohne Lucilia wäre zmitz nicht zmitz. Denn im Jahr 2014 gründeten sie und Fabian den Kulturblog, um die vielseitige Kultur rund um Solothurn strahlen zu lassen. Aus langjähriger beruflicher Tätigkeit und purem persönlichem Interesse kennt sie die Kulturbetriebe der ganzen Region und denkt immer eine Nasenspitze weiter. Sie ist aber nicht nur Co-Leiterin der Redaktion, sondern auch Vizepräsidentin des Vereins zmitz und schaut, dass seine Mitglieder nicht zu kurz kommen.