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Platzspitzbaby-Duell

Für zmitz-Bloggerin Mirjam Staudenmann war klar, dass sie für «Platzspitzbaby» ins Kino gehen wollte. Doch dann sah sie den Trailer und war auf einmal nicht mehr ganz so überzeugt... Trotzdem hat sie sich zusammen mit Blogger-Kollegin Lucilia Mendes von Däniken den Film angeschaut.

Mehr als ein schlechter Trailer?

Mirjam Staudenmann

Wenn Kino sprachlos macht

Lucilia Mendes von Däniken

... und dann ging ich doch ins Kino. Ich gebe zu, ich bin nicht ganz sicher, ob ich auch gegangen wäre, wenn Lucilia mich nicht gefragt hätte. Dabei hätte alles so toll angefangen: Ein spannendes Stück Schweizer Gesellschaftsgeschichte aus einer überraschenden Perspektive erzählt. Aus jener der Vergessenen, wenig Beachteten und mit leiser Stimme. Aus jener eines Kindes einer suchtkranken Mutter. Dazu kommt, dass ich sehr neugierig darauf war, wie Pierre Monnard, Regisseur von «Wilder», dieses Stück Zeitgeschichte umsetzen würde.

Doch eben: Dann sah ich den Trailer. Nicht dass er mich total abgeschreckt hätte. Aber er machte mich unsicher: Würde der Film wirklich weiter greifen, als dass er lediglich eine schwierige Mutter-Tochter-Situation erzählt? Würde er auf gesellschaftliche Wunden drücken können oder nur auf die Tränendrüsen der Zuschauer/innen? Die Einstellungen springen von einer konfliktgeladenen Situation zwischen der heroinabhängigen Mutter und ihrer 11-jährigen Tochter zur nächsten, um dann von «glücklichen» Momenten der Zweisamkeit unterbrochen zu werden. Das alles gipfelt in einem Lied der Tochter – zweifelsohne sehr schön gesungen – in welchem sie ihren Überlebenskampf besingt.

Der Kinosaal platzte an diesem Freitag nicht aus allen Nähten. Ob es noch anderen so gegangen war wie mir? Ein Blick auf die Website der Solothurner Filmtage zeigt jedoch, dass die beiden Vorstellungen bald ausverkauft sein werden. Interesse am Film wird also doch vorhanden sein. Und das ist auch richtig so. Denn meine Befürchtungen hatten sich nicht bewahrheitet: Der Film stellt auf eine feinfühlige Art und Weise die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ins Zentrum, ohne je kitschig zu sein. Ich litt mit dem Mädchen, das zwischen Liebe, Abhängigkeit, Hoffnung und Fürsorge taumelt, mit. Dabei passiert erschreckend wenig... Das Leben der Mutter (toll gespielt von «Wilder»-Kommissarin Sarah Spale) besteht aus nichts anderem als dem verzweifelten Akt der Drogenbeschaffung und dem Trip danach. Obwohl der Plot einfach ist, sind es genau diese Situationen, die das Drama der Sucht zeigen – und damit auch jenes der Angehörigen.

Der Trailer ist eben ein Trailer. Er verbindet einzelne, losgelöste Szenen und damit diese nicht auseinanderfallen, hinterlegt er sie mit emotionaler Musik. Dahinter ist aber ein Film, der von viel Stimmung und sehr überzeugenden Schauspielerinnen lebt. Dahinter ist eine Geschichte, die emotional und persönlich ist, die es aber trotzdem schafft, abzubilden, wie hilflos nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Behörden waren.

«Wir brauchen Taschentücher», so die einhellige Meinung, als ich mich zusammen mit Bloggerin Mirjam und einer Freundin auf den Weg ins Kino Capitol mache. Der Schweizer Film «Platzspitzbaby» verspricht alles andere als einen gemütlichen Kinoabend - zu ernst die Thematik. Wir diskutieren über unsere Erinnerungen an den Platzspitz: Ich weiss noch, wie ich, wenn wir in Zürich auf dem hintersten Perron auf den Zug nach Solothurn warteten, über die Strasse Richtung Platzspitz schielte. Der Ort hatte was Beängstigendes und doch Faszinierendes. Viel wusste ich damals noch nicht. Im Kopf hatte ich Bilder, welche unter anderem durch das Lesen des Buches «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» entstanden sind.

Wir setzen uns also mit gemischten Gefühlen ins Kino – das weniger voll ist, als erwartet. Schon der Filmstart ist heftig. «Was, soooo gross war diese Drogenszene», flüstert meine Nachbarin. Ja, es läuft einem kalt den Rücken runter, als Mia, die junge, hübsche Protagonistin, in dieser kaputten Welt ihre Mutter sucht. «Kinder!», wird es einem bewusst, «Kinder sind auch in der Platzspitz-Szene involviert.» Die Geschichte von Mia und ihrer Mutter Sandrine (Sarah Spale) ist bedrückend. Zu sehen, wie Sandrine nach der Schliessung des Platzspitz im Jahr 1995 in einem Dorf im Zürcher Oberland so etwas wie einen normalen Alltag für sich und ihre Tochter zu leben versucht – über 30 Tage lang ohne Drogen anzurühren – und dann mitzuerleben, wie eine kurze Begegnung mit der Vergangenheit alles zunichtemacht, schmerzt. Doch immer wieder schafft es der Plot, dass man nicht nur das Elend sieht, sondern auch die allmächtige Liebe zwischen Tochter und Mutter. Das Glück, das die Clique in Mia auslöst, sie, die es sonst nicht einfach hat als «Platzspitzbaby». Oder die Momente voller «alles ist gut», wenn Mia mit ihrem imaginären Freund in eine Welt ohne Kummer eintaucht. Man schüttelt den Kopf über die Unfähigkeit von Schule, Behörde und Nachbarn, welche es nicht schaffen, die Zeichen nicht nur zu deuten, sondern Konsequenzen daraus zu ziehen. Die wohl traurigste Szene: als klar wird, dass die Sucht stärker ist, als die Liebe zwischen Mutter und Tochter.

Über 90 Minuten lang ist man sprachlos – und als der Film fertig ist, bleiben wir sitzen. Nur langsam mögen wir unsere Jacken anziehen und nach draussen gehen. Wir drei Frauen wechseln wenig Worte über das Gesehene. Das muss zuerst verdaut werden. Taschentücher haben wir kaum gebraucht. Nicht weil der Film nicht berührt hätte. Aber er drückte nie auf die Tränendrüse, sondern hinterlässt eine Ohnmacht, die wütend und nachdenklich macht. Auch Tage später ist dieses bedrückende Gefühl noch da. Und als am Radio der Titelsong zum Film kommt – gesungen von Mia (Luna Mwezi) rinnt mir dann doch eine Träne über die Wangen.

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