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Ein musikalischer Hausrundgang mit Gregor Lisser

Der Solothurner Schlagzeuger Gregor Lisser hat mit drei Jazzmusikern und vier Streichern eine CD eingespielt, die sich zmitz-Blogger Fabian Gressly mal angehört hat. «On Eleven» hat ihn in den 45 Minuten mehr und mehr eingelullt…

Gregor Lisser ist lieber einer, der im Hintergrund steht. Genauer genommen: sitzt. Und zwar buchstäblich. Der Schlagzeuger ist nicht nur auf der Bühne der Mann, der im Hintergrund für seine Band die Übersicht behält. Er drängt sich, bei allem Tatendrang, auch persönlich nicht in den Vordergrund. Vor fünf Jahren erhielt der 32-jährige Solothurner einen Förderpreis des Kantons. Im Frühling gab er seine Debut-CD heraus. Natürlich nicht allein – wär wohl für einen Schlagzeuger auch etwas monoton. Aber die Formation, die er sich gewählt hat, ist nicht ganz unspeziell. Das sogenannte «Double Quartet» umfasst mit Trompete (Dave Blaser), Klavier (Michael Haudenschild), André Pousaz (Bass) und eben Lisser einerseits vier Jazz-Instrumente. Aber auch klassiche Instrumente – genauer Streicher: Violinen (Vincent Millioud und Samuel Jungen), Viola (Adrian Häusler) und Cello (Raphael Heggendorn).

Beim Hören der acht Stücke entsteht vor meinem geistigen Auge früher oder später das Bild eines Hauses, das ich begehe. «State of Mind», das erste Stück bzw. das Eingangsportal, empfängt mich mit opulentem Sound aus allen Registern. Trompete und Streicher machen mir gleich klar, was mich hier erwartet. Mit «Damoklesschwert» geht’s eher ruhig und nuancierter in die Eingangshalle. Eine luftige, fein ziselierte Streichersequenz erinnert an Kammermusik, ehe in der Hälfte des langen Stücks das Klavier die Führung übernimmt und rhythmischer, pointierter in den nächsten Raum führt. Und dann, mitten in «Pain & Despair», geht mir allmählich auf, woran mich die CD erinnert. An die moderne Musik der Neuzeit, als aus Klassik und Romantik allmählich Jazz wurde. An Bartók, Schönberg, Skriabin, Gershwin... Und an Filmmusik – nicht jene im Hintergrund, sondern die den Film erst ausmacht. Die man auch nach dem Ende des Streifens noch lange im Ohr hat. An Film noir oder Woody Allen. Und an eine meiner Lieblings-Jazz-Einspielungen: Kenny Baron und Charlie Haden mit «Night and the City», die während eines Konzerts im New Yorker «Iridium» aufgenommen wurde.

«Lonely Woman», Stück Nummer fünf, ist das Sinnbild dafür: Auch hier beginnen die Streicher im Stile romantischer Komponisten, ehe das Klavier den Zuhörer (und natürlich auch die Zuhörerin) in den Jazz führt. Es ist wohl – bleibt man bei meinem Bild – das grosse Wohnzimmer des Hauses, mit hohen, grossen Fenstern und ausladendem Aussensitzplatz. In der Halbferne zu sehen: ein Pool. Der Raum ist so gross und reichhaltig ausgestattet, dass man sich hier für längere Zeit einrichten könnte. Doch wie jede CD hat auch diese mal ein Ende. Es kommt früher als man es gern hätte. Denn fühlt man sich im Haus mal heimisch, würde man gern noch ein Weilchen bleiben. Zum Glück ist diese Klangwelt ein Ferienhaus, in welches man jederzeit wieder zurückkehren kann.

«On Eleven», so heisst die CD des Gregor Lisser Double Quartets übrigens, ist keine CD für alle Tage (welche Jazz-CD ist das schon? Das kann bei mir nicht mal Candy Dulfer). Und sie ist auch nicht da, um einzelne Stücke herauszupicken. Die CD ist ein Werk in seiner Gänze und muss auch so gehört werden. Dann, wenn man Musse hat. Zuhause sitzt und liest. Oder irgendetwas herum-«nuuschet» (hat mir übrigens jemand ein deutsches Wort dafür?). Musik zum Runterkommen und unten bleiben.

«On Eleven» des Gregor Lisser Double Quartet auf cede.ch

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