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Von der Kunst des Castings

Bloggerin Myriam Brotschi Aguiar besuchte die Aufführung von Romeo und Julia, der 9. Inszenierung der Freilichtspiele Grenchen. In ihren Augen ist es der Regisseurin/Autorin nicht nur gelungen, ihre eigene, mutige Version des Klassikers zu schreiben, sondern auch die Rollen hervorragend zu besetzen.

Darf die Liebe zwischen Romeo und Julia sein oder wird sie durch die verbitterte Feindschaft ihrer Väter zerstört? Jeder kennt Shakespeares «Romeo und Julia» oder Gottfried Kellers «Romeo und Julia auf dem Dorfe», welches die Vorlage für das 9. Freilichtspiel von Iris Minder lieferte. Deshalb gehe ich hier nicht näher auf die Geschichte ein, sondern äussere meine Begeisterung über die mit Feingefühl getroffene Auswahl der Schauspielerinnen und Schauspieler, mit denen Iris Minder ihre Rollen besetzte. Sie schien alles berücksichtigt zu haben, Ausstrahlung, Charakter, die körperliche Erscheinung, ja sogar der Gang der einzelnen Schauspielerinnen und Schauspieler passte.

Allen voran Lorenz Probst, der den «Schwarzen Geiger» mimt und der mich für 90 Minuten vergessen lässt, dass er ein Laienschauspieler ist. Er verkörpert als Gegenspieler der Liebe das Teuflische, Böse und Rachsüchtige und er tut das mit einer körperlichen Intensität und Vehemenz, die mir unter die Haut kriecht. Mal ist seine Stimme beschwörend leise, gehässig oder zynisch, mal schreit er seinen Hass laut und siegessicher heraus. Dann ist da das Liebespaar, Vreni und Sali. Als Kinder unschuldig und herzerwärmend gespielt von Melissa Sallaz und Tobias Staufer, als Erwachsene versetzt mich das authentische Spiel von Aina Probst und Matthias Salzmann in Staunen. Gerade in den von inniger Nähe geprägten Liebesszenen äussert sich für mich das Können der beiden Jungschauspieler: Ich nehme es ihnen zu jedem Zeitpunkt ab, dass ihre Welten nur umeinander kreisen, teile ihre Freude, spüre ihren Schmerz.

An dieser Stelle muss Yael Probst erwähnt werden, welche Salis Schwester Grittli spielt. Nicht nur ihr Gesang, zum Beispiel das Guggisberglied, sorgt für Gänsehaut, sondern auch ihre verzweifelten Vermittlungsversuche zwischen den zerrütteten Parteien, ihr Verständnis für das Liebespaar und ihr Sehnen nach Frieden im Dorf. Bei soviel Emotionen nimmt man es gerne an, dass das Nachbarstrüppli eine gute Portion Opportunismus, Lockerheit, Humor und so manchen Lacher in das Spiel trägt: Otto, Alma, Hugo und Hildi gespielt von Jürg Vifian, Regula Beck, Roland Favre und Susi Reinhart.

Klein, aber fein sind die Rollen der Minna, welche als Liebesdienerin und im Gefolge des «Schwarzen Geigers» die Verkörperung von Lust und Lebensfreude spielt sowie ihr Gegensatz, die scheue Magd Bethli. Nicht ganz ohne Stolz, ja schon ein bisschen überwältigt habe ich das Spiel meiner Tochter Maria-Valentina Aguiar verfolgt.  Überwältigt vor allem, weil ich sie im Alltag natürlich nicht so erlebe. Sie versteht es, ihrer Stimme, ihrem Aussehen und ihrer Ausstrahlung Eleganz sowie einen Hauch lieblicher Laszivität beizumischen. Beides lässt auf der Freilichtbühne eine unmittelbare Sinnlichkeit entstehen, die den Männern im Dorf vollends den Kopf verdreht. Von Minna ist auch Aoife Hohl in ihrer Rolle als Bethli fasziniert – so sehr, dass sie sich dem Gefolge des Schwarzen Geigers anschliesst und das Dorf verlässt. Last not least bin ich einmal mehr von der Spielintensität und Überzeugungskraft Nadja Rothenbühlers begeistert. Sie mimt eine emanzipierte junge Frau, die im Dorf ihren Mann stellt und sich erfolgreich, mit Einsatz ihrer Muskeln und Cleverness gegen die Annäherungsversuche der Knechte wehrt.

Romeo & Julia, Freilichtspiel Grenchen. Weitere Aufführungen im Juni: Dienstag, 25., Donnerstag, 27., Freitag, 28. Samstag, 29. Im Juli: Mittwoch 3., Freitag und Samstag, 5. und 6., Dienstag, 9., Donnerstag, Freitag, Samstag 11. bis 13. Vorverkauf und Platzreservation freilichtspiele-grenchen.ch oder Bücher Lüthy, Bettlachstrasse 8, Grenchen, 032 653 14 89
Erwachsene CHF 42.-, Kinder von 6 bis 16 Jahren 28.-

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