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Unterhaltungsmusik vom Vorabend einer Katastrophe

Operette ist banale Schunkelsache? Mitnichten! Der Titel der Oper, die ab heute von der Bühne Burgäschi aufgeführt wird, mag etwas geschmäcklerisch sein, aber die Geschichte dahinter ist spannend. zmitz-Blogger Fabian Gressly hat Reimar Walthert dazu befragt.

Heute beginnt in Burgäschi die diesjährige Operetten-Inszenierung: «Grüezi» von Robert Stolz entstand 1934 und sorgte schon damals für heisse Diskussionen. Das lag vielleicht zum einen daran, dass Alois Carigiet – bekannt als Zeichner des Schellen-Ursli – das Bühnenbild verantwortete. Oder daran, dass der bekannte Schauspieler Emil Hegetschweiler (u.a. «Bäckerei Zürrer») mitspielte. Aber es lag vor allem an der politischen Zeit. Robert Stolz war bekennender – und aktiver – Gegner des Nationalsozialismus. Er brachte unter anderem 1933 Juden aus Deutschland nach Österreich in Sicherheit (ja, ich weiss, dass sich Österreich fünf Jahre Deutschland anschloss und damit diese Sicherheit wohl ziemlich relativiert wurde). Die jüdischen Autoren Robert Gilbert und Armin L. Robinson verbargen sich hinter Pseudonymen und liessen auch gut versteckte Kritik an den Zuständen in Nazi-Deutschland in die Texte einfliessen. Dass diese beim Publikum durchaus ankam zeigt die provozierte Opposition von Schweizer Frontisten, die mit Nazi-Deutschland sympathisierten.

Dass diese Geschichte in eine Operette, die oft als inhaltlich seicht betrachtet wird, verpackt ist, scheint zu überraschen. Faktisch, weiss der musikalische Leiter der Bühne Burgäschi, Reimar Walthert, ist es quasi umgekehrt: Das gängige Bild sei «eigentlich eine Folge dessen, was in den Dreissiger Jahren geschah. Die blühende und grösstenteils jüdische Operettenkultur wurde nicht zuletzt wegen ihrer subversiven Kraft bekämpft. Man beraubte die Stücke ihrer gesellschaftlichen Sprengkraft.» Daraus sei das harmlos, nostalgisch-verklärende Operettenbild der Nachkriegsjahre entstanden. Doch obwohl dies geschichtlich und musikhistorisch sehr interessant wäre, wolle man bei der Bühne Burgäschi darauf nicht zu stark eingehen. «Aus künstlerischer Sicht finden wir das zu naheliegend und ausgelutscht», so Walthert. Die Inszenierung soll also nicht zur Geschichtsstunde verkommen.

«Hinter ‹Grüezi› steckt nicht der gross angelegte antifaschistische Masterplan», erzählt Walthert weiter. Auch wenn viele der Beteiligten der Erstaufführung in Zürich sich mehr oder weniger aktiv gegen diese faschistischen Tendenzen stellten. «Die Motivation war, ein Erfolgsstück in der Art des ‹Weissen Rössls› zu schaffen.» Die politischen Botschaften seien eher das Resultat vieler persönlich betroffener oder engagierter Menschen, die alle ihren individuellen Einfluss auf das Stück ausübten. Zudem gibt Walthert zu bedenken, dass im Entstehungsjahr 1934 allgemein noch kaum das wirkliche Ausmass der kommenden Katastrophe vorstellbar war.

Dieser inhaltlichen Dimension waren sich die Verantwortlichen der Bühne Burgäschi nicht bewusst, als sie nach einem neuen Stück suchten,. «Wir fanden die Geschichte zuerst unglaublich banal und zu sehr in der geistigen Landesverteidigung verankert. Darauf hatten wir eigentlich überhaupt keine Lust», erinnert sich Reimar Walthert. Als man aber das Originallibretto studierte, bemerkte man, dass das Originalstück ganz anders ausgelegt war. Wie im Rössl wird die Banalität gängiger Operettenhandlungen persifliert. Die Liebespaare kann man zum Beispiel schon Anhand des Besetzungszettels erkennen. «Wir haben hier also eine satirische Revue-Operette, die gleichzeitig eine selbstironische Operettenparodie mit gut versteckten politischen Zwischentönen ist», bilanziert Walthert. «Grüezi» enthalte alle Elemente, die für die freche Berliner Operette der Weimarer Zeit typisch sind. Nicht zuletzt sei die Musik schlichtweg hinreissend.

 

 

Wer sich davon überzeugen möchte, kann das ab heute und bis zum 9. Juli in Burgäschi. Mehr Informationen und Ticket-Vorverkauf online: www.burgaeschi.ch

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