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Nahrung für Magen und Gemüt

Zum 17. Mal fand am vergangenen Wochenende in Solothurn der «3Gänger» statt. Diesmal konnten die Gäste nebst einem kulinarischen Dreigangmenü kulturelle Nahrung von Stefan Waghubinger, Reeto von Gunten und Lisa Christ geniessen.

Ich mag ihn, den «3gänger»-Abend, welcher in diesem Jahr bereits zum 17. Mal von Martin Stebler und Marco Lupi organisiert wurde. Die Zutaten zum Erfolgsanlass, der immer innert kürzester Zeit ausgebucht ist, sind einfach - und genial: Man nehme drei Gastronomielokale (Salzhaus, Kreuz, zum Alten Stephan), die an drei Abenden jeweils drei Gänge servieren und biete dazu drei ausgewählte Wortkünstler, die nach den Gängen rund 20 Minuten einen Querschnitt durch ihr sonst abendfüllendes Programm bieten.

Wir landen dieses Jahr im «Alten Stephan». Sowohl das kulinarische als auch das kulturelle Dreigang-Menü liest sich gut. Und so freuen wir uns auf einen kurzweiligen Abend, den wir hoffentlich mit gut gefülltem Magen und viel nachwirkenden Wortbeiträgen beenden werden.

Der Name Stefan Waghubinger ist mir noch nie begegnet. Ich habe also null Erwartungen, als er den Raum betritt und seinen Platz in der ausgeleuchteten Ecke einnimmt. Der in Deutschland wohnhafte Österreicher Waghubinger wirkt schrullig, etwas ungelenk, fast ein bisschen schüchtern - wie ein zu gross geratener Junge. Seine Beiträge - ich verrate es jetzt schon - haben mich am meisten überzeugt: Geschichten aus dem Alltag, bei denen man Waghubinger ab und zu über den Kopf streicheln möchte («keine Angst, alles wird gut!»). Alltagssorgen so auf den Punkt gebracht, dass man ihm auch ganz genau zuhört, wenn er in Gedanken ganz weit weg zu sein scheint. Viel Philosophie steckt in seinen Ausführungen. So beschreibt er zum Beispiel die Beziehung zu seiner Partnerin so: «Ich wusste bei ihr immer was kommt, schon bevor es passierte. Und dann kam es immer anders. Sie war also unzuverlässig.» Sie sei auch für die Ausstattung der Wohnung zuständig gewesen: «Ich hätte ja schon auch einen guten Geschmack, nur reicht dieser nicht für eine ganze Wohnung.» Er ist auch bereit aus Fehlern zu lernen, dies zeigt folgende Aussage: «Die Erkenntnis, dass es zu spät ist, kommt meistens nicht rechtzeitig.»

Ganz anders sind die Kurztexte von Radio-Mensch Reeto von Gunten. Er ist es gewohnt sich «Demo Tapes» anzuhören. Dabei handelt es sich um Musik-Kostproben. Er hausiert hingegen mit «Demo Papes», das sind auf Zettel notierte Text-Kostproben. Seine Philosophie geht eher in Richtung Kurzgeschichten, Spontan-Philosophie und - etwas salopp gesagt - Schülersprüche. Wie zum Beispiel der hier, welcher aus einem Dialog zwischen Mann und Frau stammt. Sie: «Fingsch du mi dick?» Er so: «Nei, i wür di ou finge, wenn du schlank wärsch.» Auch wenn Reetos Texte aus einer etwas einfacheren Schublade kommen, als die von Waghubinger: Sein Stil sagt mir zu. Und so ist Reeto von Gunten auch einer der ganz wenigen Gründe, weshalb ich überhaupt noch ab und zu öffentlich-rechtliches Radio höre. Seine Sonntagmorgen-Ergüsse passen zu meinem Weekend-Groove: locker-flockig, manchmal etwas schnodrig und auch nicht unbedingt politisch korrekt - aber sowas von «so wie eim dr Schnabu gwachse isch».

Den Abschluss macht Lisa Christ. Fast mädchenhaft zupft sie immer wieder an den Strähnen, die ihr ins Gesicht fallen. Auch ihre Texte sind weit weg vom Schenkelklopfer-Humor. Und am Schluss fragt man sich jeweils, wie es möglich ist, einen so satten, inhaltsvollen Text fast ohne Punkt und Komma vorzutragen - und dabei so viele «ja, stimmt genau»-Reaktionen bei den Zuhörenden zu erzeugen. Als sie einen Text über Mütter vorträgt, kommt sogar ehrfurchtsvolle Stimmung auf. Und wenn sie mit den Worten «...dass ein geiles Leben einfach ein bisschen fett sein muss!» schliesst, weiss an diesem Abend  jeder ganz genau, wie sie es meint.

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