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Erhabene Gefühle in barocker Umgebung

Am Wochenende haben die Singknaben der St. Ursenkathedrale Solothurn zusammen mit dem cantus firmus consort zu den traditionellen Aufführungen des «Weihnachtsoratoriums» von Johann Sebstian Bach eingeladen. Bloggerin Lucilia Mendes von Däniken ist in dieses weihnächtliche Werk eingetaucht.

742 wurde in Solothurn der St. Ursen Stift gegründet. An der Lateinschule wurde damals auf der Grundlage der «Septem artes liberales» (sieben freie Künste) auch der Musik und dem Chorgesang eine bedeutende Rolle zugedacht. 1585 gründete Ritter Wilhem Tugginger eine Stiftung für zwei Sänger, welche sich ihren Lebensunterhalt und die Schulbildung mit Singen verdienten. Sie gelten als die direkten Vorgänger der heutigen Singknaben.

Die Singknaben der St. Ursenkathedrale Solothurn gelten als der älteste und modernste Knabenchor der Schweiz. Die Knaben und jungen Männer, die unter der Leitung von Andreas Reize singen, üben wöchentlich rund drei bis vier Stunden und investieren auch in den Ferien oft viel Zeit in ihr Hobby. Eines der Highlights im Konzertkalender der Singknaben sind die Weihnachtskonzerte, bei denen Teile des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach zur Aufführung gelangen. Das Werk setzt sich aus sechs Kantaten zusammen. Jeweils drei davon sind bei den Konzerten zu hören. In diesem Jahr hat man sich für die Teile I, II und V entschieden.

Das Werk ist komplex, erfordert viel Übung und auch das Zusammenspiel mit dem Orchester sowie den Solisten macht das Ganze nicht einfacher. Bis jetzt hatte ich mir nur die alle zwei Jahre stattfinden Aufführungen für Kinder zu Gemüte geführt. Ein guter Einstieg, wenn man sich an klassische Chorkonzerte herantasten möchte. Die Geschichte wird erzählt, die Instrumente werden vorgestellt und das Oratorium in abgespeckter und unterhaltsamer Weise aufgeführt.

Gestern Abend besuchte ich erstmals die offizielle Aufführung. Zwei Stunden Musik in der stimmungsvollen Umgebung der barocken Jesuitenkirche erwarteten mich. Bei solchen Konzerten wird mir immer wieder bewusst, wie wenig ich von klassischer Musik verstehe. Die dazu übliche Terminologie fehlt in meinem Wissensschrank. Was machen?
Ganz einfach: Ich bin der Meinung, dass Musik nicht in erster Linie durch Worte, sondern durch Gefühle den Weg in die Herzen der Zuhörer finden kann. Also: Zurücklehnen, Augen schliessen oder genau das Gegenteil: Ganz genau in die Gesicher der Sänger blicken, das Orchester beobachten und aufnehmen.

Den Beginn des Weihnachtsoratoriums macht jeweils der Chor mit dem Teil I und somit mit «Jauchzet, Frohlocket!». Ein Paukenschlag, der ein erhabenes Gefühl weckt. Das Gefühl aufstehen zu müssen, das Gefühl mitsingen zu wollen, eine Ahnung, dass gerade etwas ganz Besonderes passiert. Die Musik trägt ihren Teil dazu bei. Die Trompeten schallen von der Kanzel runter. Die Gesichter der Singknaben strahlen stolz aus und grosses Glück. Diese Gefühle ziehen sich durch die gesamten zwei Stunden. Die Solisten singen deutlich, so dass man dem Text nicht nur dank des Programmheftes folgen kann. Die Knaben und jungen Männer wirken selbstsicher, beweisen, dass viel Arbeit hinter diesem Konzert steckt. Das Orchester bewegt sich mit professioneller Leichtigkeit durch Bachs Werk.
Zwei Stunden vergehen im Fluge. Das Gehörte in Worte zu fassen, ist schwierig. Beim Verlassen der Jesuitenkirche fällt nicht in erster Linie die winterliche Kälte auf, sondern die weihnachtliche Stimmung in den Gassen der Altstadt. Und auch die gelösten und glücklichen Gesichter der Singknaben sind deutlich erkennbar. Eine Adventsstimmung der ganz besonderen Art.

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